Tagesarchiv: 23. Dezember 2010

schreibpädagogik und gehirnakrobatik

was möchte schreibpädagogik erreichen? salopp formuliert, dass menschen einen unverkrampfteren und kreativen zugang zum schreiben finden. dass menschen sich locker auf den schreibprozess einlassen. dafür werden techniken vorgestellt, werden feedbacks auf geschriebenes gegeben und wird versucht, die angst vor dem weißen blatt oder bildschirm zu nehmen.

eine der folgen der schreibpädagogik ist ein immer wacher geist. der blickwinkel verändert, ja, er erweitert sich. die menschen laufen mit offeneren augen durch ihre umgebung und schnappen anregungen, erlebnisse oder formulierungen auf, die sie oft schon beim aufschnappen in textform, in ein exposé bringen. „lässt sich mit dem erlebten etwas anfangen?“, ist der nicht sehr bewusste gedanke, der im hintergrund abläuft. es liegt wahrscheinlich am training des schreibens, der den kopf immer öfter akrobatiken vollführen lässt.

man kann sich das ein wenig wie im sport oder beim fahrradfahren vorstellen. erst übt und trainiert man viel. man schaut genauer auf die abläufe, sucht nach anregungen, beginnt, seiner fantasie leichter freien lauf zu lassen. nach einer längeren trainingsphase verselbstständigen sich die wahrnehmungsprozesse und verarbeitungen im gehirn. irgendwann ist man an dem punkt, dass man einmal fahrradfahren gelernt hat und es nie wieder verlernt.

so ähnlich kann man sich das mit der wirkung der schreibpädagogik für das eigene schreiben vorstellen. einmal gelernt, verlernt man das „andere“ schreiben eigentlich nicht mehr. gut, einzig schreibblockaden können einen stoppen. diese form der blockade taucht beim radfahren doch eher selten auf, dafür kann man einen platten bekommen.
faszinierend ist jedenfalls, wie das gehirn im hintergrund fleissig seine tätigkeit aufnimmt. Weiterlesen

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wortklauberei (56)

„wutbürger“

da war wohl jemand ganz schön sauer, als es um das „wort des jahres 2010“ ging. es handelt sich beim „wutbürger“ nicht unbedingt um ein wort, das in aller munde ist und häufig gebraucht wurde. gut, mit diesem wort wurde versucht, die bürgerbewegung zum beispiel von „stuttgart 21“ zu umschreiben, aber treffsicher scheint das ganze nicht.

mich erinnert wutbürger eher an cheeseburger als an eine protestbewegung. ja, vielleicht noch an einen amokläufer. wie die knef so schön sagte: „ich jogge nicht, ich laufe amok.“. dieser satz würde zum wutbürger passen. denn wut erscheint ungerichteter als protest. wut benötigt selten argumente und in wütender stimmung geht es auch nicht mehr um einen diskurs. doch die so bezeichneten wutbürger lassen sich ja auf alle möglichen auseinandersetzungen und diskussionen ein. sie begründen ihren protest, sie argumentieren und steuern gutachten bei. sie wüten eben nicht.

also stellt sich die frage, weshalb ausgerechnet dieses wort gewählt wurde. man könnte es auch gleich in die liste der unwörter des jahres 2010 aufnehmen, da es eine bewegung eher herabsetzt als ihr respekt entgegen zu bringen. nichts gegen bürgerschaftliche wut, doch wut ist bei uns eher negativ besetzt. sie entspringt in vielen vorstellungen den vorhandenen aggressionen. natürlich kann die ohnmacht ob verschriebener großprojekte in wut umschlagen. doch bis jetzt war alles eher sehr friedlich und argumentativ. also eben doch schwäbisch. aber an worten für die umschreibung des protestes fehlt es eigentlich nicht.

ich wünsche mir ein anderes wort zum „wort des jahres“: grossprojekt. ich frage mich ständig wie ein kleinprojekt aussieht und ob es auch mittelgroße projekte und klitzekleine gibt? aber mich fragt ja keiner 😀