kreatives schreiben und blickwinkel

wie schon im vorletzten post erwähnt, kann man in der schreibpädagogik bei der anleitung von schreibgruppen den teilnehmerInnen vermitteln, wie sich die veränderung des blickwinkels auf die geschichte auswirken kann. das kreative schreiben bietet dazu alle möglichkeiten des blickes, die ein mensch sonst nicht einnehmen, die aber die fantasie wunderbar abbilden kann.

zum einen kann man einfach nur menschen von anderen positionen aus ereignisse betrachten lassen. man muss sich das wie eine kameraeinstellung beim film vorstellen. so kann im krimi der mord neben dem mörder stehend ganz anders aussehen, als hinter dem opfer auf die szene blickend. man kann also blicke rechts, links, oben oder unten platzieren. man kann den blick über die szene schweben lassen, man kann kreise um das ereignis ziehen oder man kann mehrere personen aus dem gleichen winkel blicken lassen, aber gleichzeitig ihre verschiedenen gedanken schriftlich auffangen.

abseits der menschen kann man vor allen dingen tieren menschliche augen geben. sie beobachten szenen, entweder aus einem tierischen blickwinkel, wie der mensch ihn sich vorstellt oder aus einem vermenschlichten blickwinkel. tiere können dabei denken, nur sehen, beißen, knurren oder auch wegfliegen. man kann tiere sich über die szene unterhalten lassen, man kann sie ihren instinkten folgen lassen. ähnliche fähigkeiten können dann auch noch pflanzen gegeben werden. sie unterscheiden sich von tieren, dass sie meist nicht sehr beweglich sind, also einen starren blickwinkel einnehmen.

in der literatur stört es nicht, wenn irgendwann gegenstände belebt werden, so lang die geschichte spannend ist und die handlung fesselt. in diesen momenten machen sich die leserInnen keine gedanken, ob das beschriebene realistisch ist, sie nehmen die vorgaben der autorInnen hin. und ein toaster blickt auf einen ehestreit in der küche mit anderen augen als die bratpfanne, die später als waffe herhalten muss. es ergeben sich unendlich viele blickwinkel, wenn man allein alle küchengeräte einmal verwendet. der unterkühlte blick der gefriertruhe im kontrast zu den röntgenaugen der mikrowelle.

wenn aus dieser fantasiewelt wieder zu den menschen zurückgekehrt wird, dann ergeben sich noch ganz andere möglichkeiten, denn man kann die menschen mit fähigkeiten ausstatten, die sie sonst nicht haben. blicke, die wände und türen durchdringen können, die emotionen wie eine aura sichtbar werden lassen oder blicke, die gegenständen folgen können, wie ein kleine aufgesetzte kamera. zu guter letzt kann das auge noch verlängert werden. damit landet man wieder in der realität. ein blickwinkel durch ein teleobjektiv, eine wärmebildkamera oder auch nur ein türschloss.

all diese blickwinkel erzeugen jedesmal ein anderes abbild des geschehens. dieses abbild ist nicht abzukoppeln vom sehenden. der charakter der guten fee, die etwas erblickt fließt ebenso ein, wie der charakter des gummibaums, wenn eine situation beschrieben wird. mit den verschiedenen sichtweisen kann so lang jongliert werden, bis die leserInnen unbedingt wissen wollen, was denn nun wirklich geschieht. die auflösung bleibt dem autor vorbehalten oder einem einzigen beobachter. dann betritt ein fremder dritter den raum, zum beispiel ein marienkäfer, der vom fenster aus alles ganz anders gesehen hat. und schon baut sich wieder spannung auf.

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