schreibidee (209)

neben ämtern (siehe vorheriges post) hat der mensch eine zweite möglichkeit, das chaotische leben in den griff zu bekommen: er kann seine zweifel und unklarheiten in klare wertungen fassen. da gibt es dann nur noch schwarz und weiß, heiss und kalt, gut und böse. schon scheint die welt viel einfacher, wenn man die ganzen grau- und zwischentöne weglässt. am besten eine skala zum ankreuzen, eine statistik zur orientierung und die welt in zwei seiten einer medaille aufspalten. diese schreibanregung soll zu „spaltungstexten“ animieren, damit die welt ein wenig einfacher wird.

als einstieg erhalten die schreibgruppenteilnehmerInnen eine kleine tabelle mit entweder tagesaktuellen ereignissen oder mit beschreibungen von handlungen. alle kreuzen nun, ohne lange zu überlegen, an, ob sie das beschriebene gut oder böse finden. dann greifen sie sich ein beispiel heraus und schreiben einen jeweils einseitigen text. einmal unter einem guten blickwinkel und einmal unter einem bösen sollen die ereignisse beschrieben werden. anders formuliert: wie würde ein optimist das geschehnis sehen und wie ein pessimist?

nun werden am flipchart begebenheiten und ereignisse gesammelt, die man sowohl gut als auch böse empfinden kann, die uneindeutig in ihren beweggründen oder in ihren auswirkungen sind. die teilnehmerInnen der schreibgruppe wählen sich ein beispiel aus. anschließend wird eine längere geschichte geschrieben, die am anfang auf das ereignis zuführt und sich dann wie bei einer weggabelung aufspaltet. an diesem punkt wird die papierseite durch einen strich in der mitte aufgeteilt. auf der linken seite wird der gute fortgang der ereignisse verfasst, auf der rechten seite der schlechte. am schluss werden die handlungsstränge wieder zu einem gemeinsamen schluss zusammengeführt.

beide textvarianten werden anschließend in der schreibgruppe vorgetragen und es wird feedback gegeben. wenn man am computer schreibt, kann auch die eine spalte auf weißem hintergrund geschrieben werden und die andere auf schwarzem. dies verstärkt in ausgedruckter form den kontrast der beiden varianten. eine ähnliche form des schreibens verwendete karl kraus häufiger in seiner zeitschrift „die fackel“. so stellte er gern zwei varianten eines zeitungsartikels, einer rezension oder verschiedener artikel zum gleichen thema nebeneinander.

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