Tagesarchiv: 7. Februar 2011

wortklauberei (63)

„die unnötigen zeilenumbrüche des nachrichtentextes wurden automatisch entfernt“

da sage noch einmal jemand, computer könnten nicht denken, sondern machten nur das, was die user ihnen sagen. windows weiß was writer wünschen. windows verändert einfach mal texte. dies teilt das programm outlook einem dann wenigstens mit. da will ich doch mal ins detail gehen:

  1. windows erkennt, dass ich einen nachrichtentext erhalten habe. es könnte zwar sein, dass mir jemand einfach ein gedicht oder eine kurzgeschichte per mail sendet, aber das programm weiß es besser.
  2. darum erkennt es auch, wann meine zeilenumbrüche oder die der absender unnötig sind. die zweite botschaft lautet: sie haben blödsinn gesendet.
  3. deshalb mache ich das mal automatisch weg. nirgends ein hinweis, wie ich die zeilenumbrüche wieder bekomme, wenn ich sie nicht entfernt haben möchte. automatisch bedeutet, man kann nichts dagegen machen.

die folge: das layout eines textes macht überhaupt keinen sinn mehr. konkrete poesie, lautmalerei oder textbilder lösen sich in nachrichtentexte auf. da sind lauter blödsinnige zeilenumbrüche laut des mailprogramms zu finden, die automatisch beseitigt werden. also, geben sie sich einfach keine mühe mehr, ein ansprechendes äußeres ihrer nachrichten zu gestalten, windows wird sie vernichten. und so entstehen dann folgende nachrichten:

Stufen Wie jede Blüte welkt und jede Jugend Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern In andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Wir sollten heiter Raum um Raum durchschreiten, An…

(„Stufen“ von Hermann Hesse)

ach, kann die welt doch einfach sein.

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schreibberatung und scham

mit der schreibberatung ist es, wie mit anderen beratungen auch: man sucht sie ungern auf. jedenfalls bei uns ist das so. die menschen gehen ungern in beratungsstellen, wenn sie allein nicht weiterkommen. und wenn sie dann in beratungen gehen, dann ist schon eine ganze menge passiert. gründe dafür gibt es viele. vor allen dingen spielt der blick auf seine umgebung eine große rolle. es ist bei uns immer noch recht üblich, nach außen zu signalisieren, dass man alles im griff hat, mit allem klar kommt und die schwierigkeiten, die sich auftun, selber stemmt.

dies geschieht sicherlich auch in der tradition der kriegskinder-generation, die sich schwer damit tut, sich selbst zu zu wenden und „schwächen“ zu zeigen. und so zeigt sich in vielen beratungen, dass die ratsuchenden oft davon ausgehen, alle anderen kämen mit ihren problemen locker klar, nur sie nicht. es ist schwer zu vermitteln, dass jeder mensch in eine situation geraten kann, in der er die lösung der schwierigkeiten nicht mehr allein hinbekommt. das ist in einem sozialen gefüge eigentlich normal, dass man sich in einzelnen bereichen gegenseitig unterstützung gibt. doch seitdem vermehrt die selbstverantwortung für das eigene leben bei bildung, gesundheit und arbeit propagiert wird, wächst der druck auf die einzelnen.

somit wird das aufsuchen einer schreibberatung mit großer wahrscheinlichkeit bei etlichen schambesetzt sein. sie sind der meinung, dass es ja nicht das große problem für studierende oder forschende sein dürfe, alles in klare worte zu fassen. sie sehen um sich herum, wie viel die anderen schreiben. doch was sie nicht sehen, ist, mit welcher qual andere ihre texte verfassen. das soll nicht heißen, dass alle menschen große schwierigkeiten damit haben, texte zu verfassen. Weiterlesen