schreibberatung und scham

mit der schreibberatung ist es, wie mit anderen beratungen auch: man sucht sie ungern auf. jedenfalls bei uns ist das so. die menschen gehen ungern in beratungsstellen, wenn sie allein nicht weiterkommen. und wenn sie dann in beratungen gehen, dann ist schon eine ganze menge passiert. gründe dafür gibt es viele. vor allen dingen spielt der blick auf seine umgebung eine große rolle. es ist bei uns immer noch recht üblich, nach außen zu signalisieren, dass man alles im griff hat, mit allem klar kommt und die schwierigkeiten, die sich auftun, selber stemmt.

dies geschieht sicherlich auch in der tradition der kriegskinder-generation, die sich schwer damit tut, sich selbst zu zu wenden und „schwächen“ zu zeigen. und so zeigt sich in vielen beratungen, dass die ratsuchenden oft davon ausgehen, alle anderen kämen mit ihren problemen locker klar, nur sie nicht. es ist schwer zu vermitteln, dass jeder mensch in eine situation geraten kann, in der er die lösung der schwierigkeiten nicht mehr allein hinbekommt. das ist in einem sozialen gefüge eigentlich normal, dass man sich in einzelnen bereichen gegenseitig unterstützung gibt. doch seitdem vermehrt die selbstverantwortung für das eigene leben bei bildung, gesundheit und arbeit propagiert wird, wächst der druck auf die einzelnen.

somit wird das aufsuchen einer schreibberatung mit großer wahrscheinlichkeit bei etlichen schambesetzt sein. sie sind der meinung, dass es ja nicht das große problem für studierende oder forschende sein dürfe, alles in klare worte zu fassen. sie sehen um sich herum, wie viel die anderen schreiben. doch was sie nicht sehen, ist, mit welcher qual andere ihre texte verfassen. das soll nicht heißen, dass alle menschen große schwierigkeiten damit haben, texte zu verfassen. es soll nur heißen, dass alle in die situation geraten können, beim schreiben eines textes nicht weiter zu kommen.

schön, wenn sich diese schreibprobleme nach kurzer zeit wieder auflösen. doch genau in diesen momenten greift gern der gedanke, nur ich habe probleme, die anderen haben sie nicht. so muss die schreibberatung sich nicht nur mit der eigentlichen schreibblockade auseinandersetzen, sondern auch mit der scham, hilfe suchen zu müssen. wichtig ist es in diesen momenten, nicht in die dramatischen gedankenwelt einzusteigen, sondern eine normalität im beratungsablauf und in der dienstleistung auszustrahlen. man kann bei der beratung abfragen, wieweit sich das umfeld der ratsuchend unterstützend einsetzen lässt.

schreibberatung geht also über die vermittlung von schreibtechniken hinaus und sollte ebenso die entsolidarisierung der gesellschaft im auge haben. das klingt jetzt sehr politisch und weit hergeholt. doch beratende berufe sollten eigentlich zum ziel haben, sich selber überflüssig zu machen. man muss nicht noch mehr zum alleinkämpfertum beitragen. man kann auch die gegenseitige soziale absicherung vermitteln und nach wegen der unterstützung abseits der professionellen beratung suchen. denn es sollte sich niemand dafür schämen müssen, dass es mal mit dem schreiben nicht so klappt.

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