Tagesarchiv: 19. Februar 2011

wortklauberei (65)

„lebensqualität“

ein seltsamer begriff, der schwer zu fassen ist. was ist lebensqualität? es ist ein aktueller zustand, den nur ich für mich benennen kann. ich weiß, wann die qualität meines lebens für mich angenehm ist und wann sie nachlässt. doch in diese entscheidung fließen so viele komponenten ein, dass ich meist zu gar keinem klaren ergebnis kommen kann.

verwendet wird der begriff aber gern in kombination mit „gut“ und „schlecht„, wie wenn es einen vergleichbaren maßstab für lebensqualität geben könnte. so wurde vor kurzem für einen vortrag mit dem titel „gute lebensqualität – auch mit knochenmetastasen“ geworben. wenn lebensqualität ein ausschließlich subjektiver begriff ist, dann kann ich „gute“ lebensqualität mit allem erleben: mit knochenmetastasen, mit verkehrslärm, mit frühstück oder mit gummibärchen. es kommt definitiv auf den kontext an. denn als vergleich für die lebensqualität wird die ein zustand in der vergangenheit oder ein zustand in der fantasie herangezogen.

diese beiden zustände (oder diese drei, diese vier …) werden miteinander verglichen. da wird lebensqualität ein kriterium für den abgleich in der form von stiftung warentest. da gibt es plötzlich städte mit der höchsten lebensqualität (was ist eigentlich hohe lebensqualität?), da gibt es den versuch, die lebensqualität zu steigern. und wer wird testsieger? der mensch, der von sich sagt, „ich habe eine sehr gute lebensqualität“. warum sie überhaupt quantifizieren und vergleichen? weil es ein weiterer versuch ist, das befinden der mensch zu verallgemeinern und vergleichbar zu machen. es wäre ja schlimm, wenn zwei menschen an ein und demselben ort sehr unterschiedliche lebensqualitäten er-leben.

eine armada von lebensratgebern bauen auf gesellschaftlich anerkannte vorstellungen von lebensqualität auf. das unkomplizierte, sexuell ausgiebige, vielfältige, bunte und wohlhabende leben als konsens in der vergleichsskala. tja, ein traum, der viele veränderungswünsche hervorruft, eine verheissung, die zum ständigen arbeiten an sich selber auffordert. wie wäre es mit der schlichten frage: „wie fühlst du dich?“. und sollte mehr betrachtet werden, kann man noch fragen: „wie würdest du dich gern fühlen? was bräuchtest du dazu?“. und dann kann gemeinsam nach handlungsmöglichkeiten gesucht werden. denn woher soll ich wissen, was anderen „gut“ tut.

schreibpädagogik und stress

bei der schreibpädagogik müssen zwei blickwinkel in bezug auf die anleitung von schreibgruppen eingenommen werden. zum einen der blick auf den stress als anleiterIn einer schreibgruppe. zum anderen der auf den stress innerhalb einer schreibgruppe, den man als anleiterIn feststellt. beide stressformen können in jederzeit auftreten, sie sind kein weltuntergang, aber im vorfeld kann man sich eventuell schon ein paar strategien überlegen.

man gerät bei der anleitung einer schreibgruppe sehr in (negativen) stress. was kann man tun? ursache kann zum beispiel sein, dass die vorgeschlagene schreibanregung nicht funktioniert, dass am ende eines treffens die teilnehmerInnen ein negatives feedback geben oder dass einzelne teilnehmerInnen den ablauf des gruppentreffens negativ beeinflussen.

in allen drei situationen heisst es erst einmal tief durchatmen, nicht sofort handeln, nicht sofort reagieren, sich nicht augenblicklich verteidigen. am wichtigsten wird es sein, weiterhin authentisch zu wirken. dies bedeutet, keinen hehl aus der eigenen situation machen. gruppen haben ein gespür dafür, wenn jemand versucht, schwierige situationen zu überspielen. natürlich leitet man noch die gruppen, man sollte auch nicht unbedingt allen emotionen freien lauf lassen. es geht eher darum, die ereignisse aufzugreifen und für sich selbst zu nutzen.

man kann zum beispiel offenlegen, dass man sich den verlauf der schreibanregung anders vorgestellt hatte und sich im anschluss mit der schreibgruppe auf die suche nach einer besseren variante begeben. man kann sich erst einmal das feedback ohne verteidigungsargumentationen anhören und dann die gruppe noch einmal konkret nach alternativen fragen. danach kann man selber entscheiden, ob man die vorgeschlagenen alternativen annehmen möchte oder nicht. in diesen momenten sollte man seine handlungen begründen. oder man kann die teilnehmerInnen, die negativ in der gruppe agieren, direkt ansprechen und ihnen offenlegen, dass einen das verhalten stört und andere wahrscheinlich auch.

nicht hilfreich scheint es, die schwierigkeiten zu umgehen, zu ignorieren. dies verstärkt den stress eher, als dass es ihn vermindern könnte. die hier genannten drei ansätze sind ein anfang auf der sache nach neuen handlungsmöglichkeiten. das eröffnet einem mehr spielraum und man ist nicht ständig damit beschäftigt zu „vertuschen“ und zu „besänftigen“.

wenn man wiederum feststellt, dass sich schreibgruppenteilnehmerInnen entweder selber oder gegenseitig unter druck setzen, dann sollte man den eigenen eindruck aufgreifen und verbalisieren. man sollte eine meinung der gruppenteilnehmerInnen einholen, ob man mit seiner vermutung richtig liegt. Weiterlesen