biografisches schreiben und gier

beinahe alle unsere handlungen basieren auf dem versuch, bedürfnisse zu befriedigen. wenn ich laufe, dann möchte ich einen bestimmten ort erreichen, dann möchte ich vorankommen und habe ein ziel vor augen. und selbst wenn ich ziellos durch die gegend laufe, habe ich eine vorstellung davon, warum ich dies tu. es gibt keine unbegründeten handlungen. das ist der normale lauf unseres lebens. dazu gehört auch, dass nicht jedes bedürfnis befriedigt werden kann, dass wir immer wieder aufgerufen sind, unsere bedürfnisse mit den anforderungen von außen abzugleichen. so kann ich nicht einfach weiterschlafen, wenn der wecker klingelt und der erwerbsarbeit nachzugehen ist.

aber manchmal kann es passieren, dass das zu befriedigende bedürfnis so übermächtig und grenzenlos ist, dass es mit der einfachen handlung nicht getan ist. es scheint uns unvorstellbar, dass dieses bedürfnis nicht befriedigt werden könnte. wir werden gierig. das erinnert ein wenig an die kinder, die vor der supermarktkasse unbedingt noch die eine süssigkeit benötigen. doch wenn ihre eltern zu verstehen geben, dass dies nicht geschehen wird, werfen sie sich auf den boden und schreien, um doch zu bekommen, was ihnen versagt wird.

zur gier gehört ebenso eine gewisse maßlosigkeit. dies bedeutet, ist das bedürfnis eigentlich befriedigt, wird noch eins draufgesetzt und entweder müssen gleich noch zwei andere bedürfnisse befriedigt werden oder man möchte von dem erhaltenen einfach mehr, die doppelte portion bedürnisbefriedigung. beim biografischen schreiben hat man die möglichkeit, einen blick auf die eigene gier zu werfen. wovon konnte man nicht genug bekommen, was wollte man unbedingt haben? wer oder was setzte einem in diesem moment grenzen? und welchen umgang fand man mit der frustration, wenn die gier nicht befriedigt wurde? warf man sich innerlich auch immer wieder auf den boden und schrie, bis endlich passierte, was man haben möchte?

die gier enthält noch eine andere komponente: meist zieht sie andere menschen in mitleidenschaft. entweder möchte man unbedingt von ihnen etwas oder sie müssen unsere rücksichtslosigkeit ertragen. über wen sind wir im laufe unserer lebensgeschichte hinweggerollt, nur weil wir gierig waren? oder vielleicht rollte ja auch jemand über uns hinweg. wie sind wir damit umgegangen? wie viel haben wir uns gefallen lassen?

doch bevor man einen blick auf die eigenen gier oder erlebte gier wirft, sollte man sich überlegen, welche definition man von gier hat. man kann in der eigenen biografie überlegungen anstellen, wie weit man sich immer wieder wünsche versagt hat, da man dachte, es sei egoistisch und gierig, diese zu befriedigen. vielleicht würden das andere menschen ganz anders sehen, vielleicht hat man ein paar chancen verpasst, da man die eigenen bedürfnisse zu negativ bewertete. nicht selten hat die vorherige erziehung einen großen anteil daran. und eventuell sollte man dann heute gierig sein, diese bedürfnisse noch zu befriedigen.

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