Tagesarchiv: 22. April 2011

web 2.56 – 2-3 straßen

es ist ein kunstwerk, es ist ein versuch, es ist der weg vom netz ins buch, es ist biografiearbeit. der künstler jochen gerz hat im rahmen der kulturhauptstadt 2010, als das ruhrgebiet diesen titel trug, das projekt „2-3 straßen“ durchgeführt, das menschen aufforderte über das leben in ihrer strasse zu schreiben. dabei waren sowohl schon lang dort lebende bewohner eingeladen, sich zu beteiligen, als auch 78 kreative, die extra für das projekt in die region und in die strassen zogen. diese 78 personen wurden teil einer ausstellung.

aus diesem projekt ist nun ein buch entstanden, das viele sprachen, viele menschen und viele eindrücke vereint. auf der website wird die entstehung des buches folgendermaßen beschrieben: Die Teilnehmer haben ein Jahr lang ein Buch geschrieben, auch Passanten und Besucher der Ausstellung und besonders die alten Bewohner der Straßen waren eingeladen mitzuschreiben. Die Autoren benutzten eine speziell entwickelte browserbasierte Software. Sie schrieben, ohne die Beiträge der anderen zu kennen. Der Text wurde durch Mausklick oder nach einer Schreibpause von acht Minuten archiviert, verschwand im elektronischen Archiv und war nicht mehr zugänglich. Erst nach dem Ende von 2-3 Straßen wurde das Ergebnis eines Jahres veröffentlicht. Die Beiträge erscheinen als Fließtext, anonym und in der Reihenfolge ihrer Entstehung. Auch die Namen der Autoren sind auf den letzten Seiten in der Reihenfolge ihres Beitrags aufgelistet.

ein spannendes projekt, das gedanken, regionen, geschichte und geschichten abbildet. hier verschränken sich viele bestandteile unseres alltags zu einem aktuellen abbild des lebens. so kann aktuelle biografie-arbeit aussehen. bin auf die texte gespannt. einen kurzen einblick bietet die homepage: http://www.2-3strassen.eu/ .

web 2.55 – lebenstagebuch.de

immer noch, über 60 jahre später, machen menschen die traumatischen erinnerungen an den zweiten weltkrieg zu schaffen. lange verdrängt, suchen sich die erinnerungen ihren weg. teils drückt sich dies durch psychische störungen oder über körperliche beeinträchtigungen aus. manche der über 65-jährigen fangen nun an, ihre erinnerungen zu verarbeiten. auch ohne beeinträchtigungen kann man feststellen, dass eine auseinandersetzung mit erlebtem generell entlastet.

eine hilfe dabei bietet die homepage http://www.lebenstagebuch.de/ an. die seite bietet eine schreibtherapeutische hilfe für menschen über 65 an, die sich mit ihren traumatischen erlebnissen beschäftigen und sie verarbeiten möchten. das angebot kann nur online genutzt werden, es sind keine realen konsultationen in einer praxis vorgesehen. hier wird das schreiben als entlastende hilfe und zur umstrukturierung der erinnerungen genutzt.

um menschen, die an ihren traumen erkrankt sind, nicht in der virtuellen welt behandeln zu müssen (dies ist nicht vorgesehen), ist im vorfeld ein fragebogen zu beantworten. sollten psychische oder körperliche störungen vorliegen, wird lieber an andere angebot abseits des internets vermittelt. das angebot des „lebenstagebuchs“ wendet sich an menschen, die genug eigene ressourcen aktivieren können, um einen umgang mit dem erlebten zu finden.

das „lebenstagebuch“ ist eine kooperation von berliner und stralsunder beratungs- und forschungsstellen zum thema traumatisierung. ein interessanter versuch, schreiben, das internet und biografiearbeit miteinander zu verbinden.