biografisches schreiben und schuld

die 68er fragten nach der mitschuld ihrer väter und mütter am dritten reich. dieser aspekt wird heute gern vergessen, wenn über die 68er berichtet und diskutiert wird. es war das wissen und die ahnung, dass nicht ganz deutschland nichts gewusst haben konnte von der ermordung der juden. es war eine frage der gesellschaftlichen moral und ethik.

die frage nach der schuld beinhaltet immer auch einen moralischen aspekt. beim blick auf die eigene biografie stellt sich als erstes die frage, in welche lebenssituationen man verstrickt war, die überhaupt eine frage nach der schuld zulässt. denn schuld ist ein urteilender begriff, der die verantwortung an ereignissen zuschreibt. es geht im hintergrund um einen ethischen diskurs. wie man sich zum beispiel fragen kann, wenn man als soldat in den krieg zieht, ob man schuld an der unsinnigen tötung von menschen hat. hätte es nicht alternativen gegeben?

doch der mensch hat heutzutage einen hang, für zu viele dinge im privaten umfeld die verantwortung zu übernehmen, doch für die gesellschaftlichen prozesse möglichst unbeteiligt zu wirken. gut, man kann nicht zeit seines lebens in sack und asche gehen, wenn man sieht, dass der klimawandel vorangetrieben wird, die reichtümer ungerecht verteilt sind und kriege nicht verhindert werden. und doch, trägt man eine mitverantwortung, wenn man die eigene beteiligung als schweigender bürger leugnet.

auch dieser weit greifende blick im biografischen schreiben kann die eigene haltung zum geschehen offenbaren. jedoch kann im näheren lebensumfeld viel genauer betrachten, wo man das gefühl hat, sich schuldig gemacht zu haben. es besteht eine großer unterschied zwischen der juristischen schuldfrage und der persönlichen beteiligung am elend anderer menschen. vor allen dingen in familien wird diese frage sehr zwiespältig gestellt. eltern geben sich die schuld dafür, wenn ihr kind einen anderen lebensweg einschlug, als man sich erhoffte. auf der anderen seite blenden viele eltern, die ihre kinder prügeln, aus, was sie damit anrichten.

beim aufschreiben der eigenen lebensgeschichte besteht die einmalig chance, einen unverblümten blick auf die eigenen beteiligungen zu werfen. man muss diese nicht veröffentlichen, kann sich aber selber eventuell entlasten oder sich vergewissern, wie weit man schaden für andere abwendete oder zufügte. man kann aber auch schauen, wo man ausblendet, verdrängt und ignoriert. und letztendlich kann man den blick auf situationen werfen, die einem selber schaden zugefügt haben. schuld ist ein großes wort, man sollte es sparsam verwenden, aber nicht auslassen.

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