web 2.0 und schuld

das internet und vor allen dingen die digitalen sozialen netzwerke enthemmen. die halbanonymität macht es leichter, „schuldige“ zu benennen, andere anzugreifen und starke worte zu wählen. auf der anderen seite ruft dies viel schneller reaktionen hervor, die beschuldigungen zurückweisen, die einen diskurs anzetteln. das kann man zwiegespalten sehen. zum teil wird etwas ans licht der öffentlichkeit gezerrt, das eigentlich in den privaten bereich gehört. zum anderen werden missstände schneller öffentlich gemacht.

da verlagert sich in vielen bereichen der investigative journalismus in die welt der blogger und zu menschen, die twittern. schwierig bleibt es, den wahrheitsgehalt von beschuldigungen zu überprüfen. doch wenn man ehrlich ist, war dies auch in den vor-internet-zeiten nicht leicht. es gab immer wieder schuldige, doch die berichterstattung über deren beteiligung an machenschaften, vergehen oder korruptem verhalten wurde nicht selten behindert. das wird heute schwieriger. wird eine website im internet blockiert oder abgeschaltet, hat oft die nächste schon das thema aufgegriffen.

das öffnet zum einen gerüchten tür und tor, zum anderen lässt es aber auch zu, dass missstände nicht von der bildfläche verschwinden. im gegensatz zu zeitungen ist das internet ein gedächtnis der schuldzuweisungen. und es zeigt wirkung. nehme man nur einmal „wikileaks“. mögen manche veröffentlichungen auch auf dem boden der selbstdarstellung gewachsen sein, so wird es mit den geheimnissen, die auch die bevölkerungen interessieren könnten, immer schwerer. denn informationen vorzuenthalten beinhaltet immer den gedanken, dass der mensch zu dumm wäre, die zusammenhänge zu verstehen.

oder um es einmal drastischer zu formulieren: das internet könnte dazu führen, dass das menschenbild insgesamt besser wird. denn schaue man sich einmal an, wie vernünftig auf vieles reagiert wird, weil ein diskurs stattfindet, weil die informationen zu verfügung stehen, dann spricht das eher für den einzelnen, denn gegen ihn. auch die tatsache, dass ungerechte gesellschaften das internet fürchten, spricht eher für das internet.

und doch, es kann nicht ignoriert werden: was teilweise an beschuldigungen im netzt herumschwirrt, was an die öffentlichkeit gezerrt wird, das geht nicht selten an die schmerzgrenze. aber das liegt nicht am internet selber, das liegt eher an der generellen entwicklung, dass es keine privatheit mehr gibt, dass das arbeitsleben sich auch ins private verlagert. die forderungen sich preis zu geben mit seinen persönlichen haltungen, zu beweisen, ein guter mensch zu sein, sind schon länger bestandteile der arbeitswelt. dem mensch wird beigebracht, dass er sein privates öffentlich zu machen hat, wenn er nichts zu verbergen hat. wer dies nicht tut, macht sich schon verdächtig. schnell wird der als schuldig deklariert, der sich weigert, seine daten rauszurücken. das ist nicht eine folge des internets.

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