schreibberatung und kritik

ein heikles gebiet: wie sollte in einer schreibberatung an den texten kritik geübt werden? wenn man davon ausgeht, dass jemand in die beratung geht, der gerade schwierigkeiten damit hat, seine schreibaufgaben zu erledigen, dann kann kritik schnell dazu führen, dass überhaupt nicht mehr geschrieben wird. denn nicht selten basiert die schreibkrise auf übertriebener selbstkritik. wird da von den beraterInnen noch ein draufgesetzt, findet sich die perfekte bestätigung der selbstkritik.

also müsste im ersten schritt der beratung eigentlich geklärt werden, welche funktion kritik im zusammenhang mit dem schreiben hat. sie stellt nicht die person in frage, sie ist immer nur eine anregung, sie bietet die chance dazu zu lernen und sie wird nur den geäußerten bedürfnissen der ratsuchenden folgend formuliert. doch ebenso wird sie nicht schönreden. es hilft niemandem, wenn man kritik schönredet. kritik sollte sich immer an der realität orientieren. wenn jemand zum beispiel bei einer hausarbeit vollständig das thema verfehlt, dann macht es keinen sinn, nur zu äußern, dass das eine unterkapitel ganz interessant formuliert sei.

werden während der beratung die kriterien der kritik geklärt und erklärt, dann ist am ehesten vermittelbar, dass die kritik sich nicht gegen die ratsuchenden richtet. die schwierigkeit, kreativ geschaffenes zu kritisieren besteht immer wieder darin, dass es von den kritisierten gern in eine persönliche, also personalisierende kritik verwandelt wird. hier hilft nur gebetsmühlenartige wiederholung, dass es nicht um die person geht, die einem gegenübersitzt, sondern um den text.

es gibt manche vorstellungen, wie kritik funktionieren sollte: so wird gern die sandwich-technik angewendet. dies bedeutet, den kritischen teil mit positiven kritiken zum umhüllen. mit scheint dies zu strategisch, denn es bedient eigentlich die angst vor kritik. es bedient die vorstellung, dass kritik an etwas theoretischem gleichzeitig kritik an der person sein könnte. hier wäre eher zu klären, woher die angst vor kritik kommt, wenn sie nicht personalisierend gemeint ist. es bedeutet aber gleichzeitig, dass nicht mit komplimenten gespart wird, wenn es positive kritik gibt. doch dies alles sollte nicht strategisch verpackt werden müssen.

denn die schreibprobleme hängen nicht selten mit den strategischen und verklausulierten rückmeldungen zusammen, die menschen im vorfeld erhalten haben oder sie hängen mit vernichtender, personalisiernder kritik zusammen. diese negativen formen der kritik wurden prächtig verinnerlicht und lassen einen vor dem schreiben eines textes in angst erstarren. hier scheint es notwendig die gründe der angst aufzuschlüsseln, wenn langfristig eine veränderung stattfinden sollte. und auch diese aufschlüsselung kann nur gemeinsam zwischen den beraterInnen und den ratsuchenden stattfinden, denn wenn sie einzig durch die beraterInnen stattfindet, dann wird auch sie deutend und personalisierend.

schreibberatung kommt nicht ohne kritik aus, aber kritik ist das lebenselixier des lernens und kein sanktionierungsmechanismus.

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