Tagesarchiv: 14. Mai 2011

schreibpädagogik und kritik

auch dies ist ein heikles gebiet, ähnlich wie in der schreibberatung. wie sollte kritik an den geschriebenen texten in schreibgruppen stattfinden, damit die verfasserInnen davon profitieren und nicht das gefühl haben, sie wären eine inquisition ausgesetzt (etwas, das in schreibgruppen wohl schon öfter vorgekommen sein soll).

dazu muss die schreibgruppenleitung, bevor der gesamte schreibprozess startet und vor den ersten feedbackrunden, die formen des feedbacks ansprechen. immer wieder muss darauf hingewiesen werden, dass nicht die autorin oder der autor zur debatte stehen. dies bedeutet, die teilnehmerInnen müssen dem zustimmen, dass nicht gedeutet und nicht personalisiert wird. oder anders formuliert: sätze wie „die autorin wollte damit …“ oder „diese stelle im text spiegelt die persönlichen, psychischen schwierigkeiten des autors wieder …“ haben in den feedbackrunden und bei kritiken nichts verloren.

denn es wird die grenze zur personalisierung überschritten. um dies in schreibgruppen zu vermeiden, gibt es eigentlich zwei einfache grundregeln. erstens äußern die autorInnen vor dem feedback, was sie für ein feedback haben wollen. dazu geben sie den anderen anhaltspunkte. man kann sich wünschen, dass auf den schreibstil eingegangen wird, wie der text auf einen gewirkt hat oder welche assoziationen man hatte, als man den text hörte. (natürlich darf man sich auch jederzeit dafür aussprechen, kein feedback haben zu wollen.)

und zweitens müssen und dürfen sich die autorInnen nicht für ihren text rechtfertigen. dies bedeutet, man schaltet sich als verfasserIn nicht in die feedbackrunde ein, sondern Weiterlesen

schreibidee (257)

es ist ein markt für sich. das scheint weiterhin erstaunlich, da doch alle von den neuen medien sprechen und davon ausgehen, das buch hätte sich früher oder später überlebt. doch weit gefehlt, es wird gelesen. und wo gelesen wird, da wird auch kritisiert. früher war die kritik des gelesenen einzelnen redakteuren in zeitungen und zeitschriften überlassen. heute kann wer will seine ganz persönliche kritik eines buches bei amazon veröffentlichen. darum soll diese schreibanregung zur „literaturkritik“ animieren.

im vorfeld werden die schreibgruppenteilnehmerInnen dazu eingeladen, zum nächsten treffen ein buch, das sie gelesen haben, mitzubringen. dabei spielt es keine rolle, ob ihnen das buch gefallen hat oder nicht. zum einstieg schreiben alle eine etwa halbseitige zusammenfassung des buches. diese zusammenfassungen werden in der gruppe vorgetragen. die anderen gruppenteilnehmerInnen können nachfragen, wenn nach der inhaltsangabe noch fragen zum buch offen geblieben sind.

anschließend werden zu den jeweiligen büchern tabellen erstellt. dabei gibt es die positiv- und die negativ-seite. in die spalten werden die ganz persönlichen bewertungen eingetragen. wichtig ist es, dass nicht ausschließlich negative oder positive aspekte notiert werden. in der folge werden zwei kritiken von jeweils einer seite geschrieben. die eine kritik greift nur die positiven aspekte des buches auf und ist eine lobeshymne, die andere kritik konzentriert sich allein auf die negativen punkte des buches. beide kritiken werden nicht vorgetragen.

denn nun wird die umfassende literaturkritik geschrieben. dazu greifen die schreibgruppenteilnehmerInnen auf ihre zusammenfassungen zurück, die ebenso, wie die positiven und negativen aspekte in die buchkritik einfließen sollten. und vor allen dingen muss am schluss der kritik ein fazit stehen. ist das buch nun lesenswert oder nicht? anschließend werden die literaturkritiken in der schreibgruppe vorgetragen und es gibt eine feedbackrunde. es wird nicht diskutiert, ob die bewertung treffend ist oder nicht (falls noch jemand anderes das vorgestellt buch kennt), sondern wie gut lob und kritik in worte gefasst wurden.

man kann auch eine zweite variante der literaturkritik durchführen. dazu werden im vorfeld alle schreibgruppenteilnehmerInnen aufgefordert, das gleiche buch zu lesen. im anschluss werden, wie oben beschrieben, die gleichen schritte durchgeführt. zum abschluss könnte man dann eine art „literarisches quartett“ durchführen, in dem die jeweiligen buchkritiken vorgetragen werden und anstatt einer feedbackrunde, eine diskussion stattfindet, die von der schreibgruppenleitung moderiert wird.