schreibpädagogik und kritik

auch dies ist ein heikles gebiet, ähnlich wie in der schreibberatung. wie sollte kritik an den geschriebenen texten in schreibgruppen stattfinden, damit die verfasserInnen davon profitieren und nicht das gefühl haben, sie wären eine inquisition ausgesetzt (etwas, das in schreibgruppen wohl schon öfter vorgekommen sein soll).

dazu muss die schreibgruppenleitung, bevor der gesamte schreibprozess startet und vor den ersten feedbackrunden, die formen des feedbacks ansprechen. immer wieder muss darauf hingewiesen werden, dass nicht die autorin oder der autor zur debatte stehen. dies bedeutet, die teilnehmerInnen müssen dem zustimmen, dass nicht gedeutet und nicht personalisiert wird. oder anders formuliert: sätze wie „die autorin wollte damit …“ oder „diese stelle im text spiegelt die persönlichen, psychischen schwierigkeiten des autors wieder …“ haben in den feedbackrunden und bei kritiken nichts verloren.

denn es wird die grenze zur personalisierung überschritten. um dies in schreibgruppen zu vermeiden, gibt es eigentlich zwei einfache grundregeln. erstens äußern die autorInnen vor dem feedback, was sie für ein feedback haben wollen. dazu geben sie den anderen anhaltspunkte. man kann sich wünschen, dass auf den schreibstil eingegangen wird, wie der text auf einen gewirkt hat oder welche assoziationen man hatte, als man den text hörte. (natürlich darf man sich auch jederzeit dafür aussprechen, kein feedback haben zu wollen.)

und zweitens müssen und dürfen sich die autorInnen nicht für ihren text rechtfertigen. dies bedeutet, man schaltet sich als verfasserIn nicht in die feedbackrunde ein, sondern hört sich die feedbacks ohne kommentar an. es ist nicht leicht, dies auszuhalten. gern würde man seinen text erklären, doch das macht nicht viel sinn. geschriebene geschichten können auf die menschen sehr verschieden wirken und oft ganz anders, als man sich dies vorgestellt hat.

am schluss kann man noch einen kurzen kommentar zum selbstgeschriebenen abgeben, wenn man möchte. doch insgesamt muss man sowieso für sich auswählen, welche kritik man für sich annehmen möchte und welche man nicht beachten möchte. denn erst in zweiter linie schreibt man für die anderen. in erster linie schreibt man für sich. und wenn ich feststelle, dass mein text ganz anders wirkt, als ich es vor hatte, dann kann ich immer noch im nachhinein änderungen vornehmen, die meine gewünschte wirkung eher herbeiführen.

als schreibgruppenleitung hat man vor allen dingen die aufgabe, dies gruppenprozesse zu moderieren und darauf zu achten, dass es nicht ausufert. dazu gehört es auch, den autorInnen immer wieder zu verstehen zu geben, dass eine kritik an ihrem text keine kritik an ihrer person ist. es gibt nicht gute oder schlechte autorInnen, es gibt maximal gute und schlechte texte, und auch dies ist immer noch geschmacksache. auf der anderen seite wäre zu betonen, dass kritik eine der wenigen möglichkeiten ist, beim schreiben etwas für sich hinzu zu lernen. denn ohne kritik, schreibt man nur noch für sich selber. das ist absolut in ordnung, wenn man seine texte nie veröffentlichen möchte.

übrigens kann man als schreibgruppenleitung mit gutem beispiel voran gehen, nämlich selber mitschreiben und auch seine eigenen texte der feedbackrunde zur verfügung stellen oder sich selber am feedback zu anderen texten beteiligen. man kann den teilnehmerInnen vorführen, dass zu vorsichtige textkritik auch nicht besonders hilfreich ist („der text war nett, hübsch oder schön“). natürlich darf kritik geübt werden, nur in einer angemessenen form.

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