biografisches schreiben und angst

wenn man einen blick auf die eigene lebensgeschichte wirft, hat dies häufig eine entlastende wirkung. man durchlebt zwar noch ab und zu unangenehme lebensabschnitte, aber man kann sie oft danach auch verarbeitet beiseite legen. dadurch wird die beschäftigung mit der eigenen biografie zu einer angenehmen vorgehensweise, ganz abgesehen von den anderen positiven aspekten, wie zum beispiel noch einmal zu erleben, was alles los war.

doch der gedanke, alles noch einmal zu betrachten, was einem widerfahren ist, kann auch gehörige angst machen. der mensch hat die sehr hilfreiche fähigkeit, verdrängen zu können. dies bedeutet, dass er erlebnisse, die nicht verarbeitet werden konnten, in seinen erinnerungen zu verstecken und nicht mehr daran zu denken oder anders zu bewerten. und doch weiß man oft, da ist noch was, das ich mir gar nicht genau anschauen möchte. oft ist dies nur ein diffuses gefühl, das nicht klar benannt werden kann.

verdrängung ist ein gutes recht. das bedeutet, man sollte nur seine biografie und lebensgeschichte betrachten, wenn man auch lust dazu hat. es ist zwiespältig, wenn man im zuge der behandlungen von psychischen erkrankungen seine vergangenheit, seine lebensgeschichte niederschreiben soll. doch auch hier gilt, was immer gilt, man muss nur so weit gehen, wie man möchte. das bedeutet, die verdrängung kann auch erst einmal weiter aufrecht erhalten werden. und doch wird einem im laufe der zeit auffallen, wie anstrengend es sein kann, weiter zu verdrängen.

in solchen momenten tritt die angst in widerstreit zum bedürfnis, den ballast loszuwerden, den man schon lang mit sich herumträgt. es kann sein, dass die angst immer wieder gewinnt. dies ist eine form des selbstschutzes, über die der mensch verfügt. oder wie man manchmal sagt: „dann ist man noch nicht so weit“. es besteht die gefahr, wenn man sich zu sehr in die erinnerung an traumatische erlebnisse begibt, dass es zu einer retraumatisierung kommt. doch in einem geschützten rahmen kann das abermalige durchleben unangenehmer erlebnisse abgefedert und aufgefangen werden.

man sollte sich beim biografischen schreiben auf alle fälle an den eigenen gefühlen orientieren und nicht an den erwartungen anderer. und wenn die angst zu groß ist, dann muss man bestimmte details seiner biografie auch nicht anschauen. auf der anderen seite kann man aber darauf vertrauen, dass der mensch weiterhin über schutzmechanismen verfügt, die einen schützen, wenn das aufgedeckte sehr unangenehm ist. wir verfügen alle über diese selbstschutzmechanismen. so zeigt sich, dass die angst vor der eigenen lebensgeschichte häufig größer ist, als der eventuell noch einmal erlebte schmerz.

eines steht jedenfalls immer wieder im vordergrund: die entscheidung wie weit man seine biografie betrachten möchte, trifft man ausschließlich selber. und vielleicht sollte man dies nicht allein machen. aber auch das kann man nur für sich selber entscheiden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s