schreibpädagogik und sucht

„ohne meine schreibgruppe kann ich nicht mehr leben!“, so oder so ähnlich erträumen sich schreibgruppenleiterInnen die mentalen konsequenzen bei ihren teilnehmerInnen. es sollen abhängigkeiten hergestellt werden. dafür werden alle register gezogen. schon im vorfeld wird der raum aufgehübscht (gruppenleitungen bringen gern mal blumensträusse mit), eventuell stehen die üblichen softdrinks zur verfügung, die sitzgelegenheiten werden in kommunikationsfördernde anordnungen rangiert und ein herzlich willkommen prangt irgendwo an der wand, auf einem flipchart oder im beamerbild.

mit charm, kreativen anreizen und harmonischer sozialer interaktion wird ein soziales kleinod geschaffen, das mensch sonst kaum in dieser hektischen, konkurrenten welt findet. also tritt nicht selten der effekt des rundum-wohlfühlens ein, der es schwer macht auf den nächsten schreibgruppentermin zu warten. ab diesem moment sind die teilnehmerInnen „angefixt“. wenn dann noch das erfolgserlebnis, eigene texte aus dem inneren schöpfen zu können ohne sich dafür schämen zu müssen, eintritt, dann ist dies schon die halbe miete zu einer ausgewachsenen schreibgruppen-sucht.

das faszinierende: die nebenwirkungen werden gern in kauf genommen, ja sogar häufig begrüsst. plötzlich eintretendes selbstbewusstsein in bezug auf die selbstgeschriebene texte, verteidung des schreibens gegenüber der umwelt und die konsequente annäherungen an eigene gedanken und gefühle werden von schreibgruppenteilnehmerInnen gern ertragen. der hunger nach nachschub an feedback, komplimenten und selbst kritik ist nach einer gewissen zeit der teilnahme kaum mehr zu stillen. und die schreibgruppenleitungen legen nach. sie bieten bei jedem treffen noch eine schreibanregung und noch eine. sie schreiben gern mal mit und machen den eindruck, als hätte das beständige schreiben keinen schaden bei ihnen hinterlassen.

skeptische teilnehmerInnen suchen noch für eine gewisse zeit nach dem haken an der schreibgruppen-sucht, doch sie finden keinen und erliegen letztendlich auch dem flair. dabei kommen die konsequenzen schleichend daher, aber sie werden längst nicht mehr wahrgenommen: lebensabschnittgefährtInnen sehen ihre persönliche attraktion plötzlich in konkurrenz zum schreibakt. kinder, freunde und arbeitskollegInnen müssen sich ständig selbstgeschriebenes anhören, werden zu lesungen geschleift und sollen auch noch ein feedback geben. schreibende schließen sich in zimmer ein, gehen nicht mehr ans telefon oder verreisen einfach allein, um weitere texte zu produzieren.

der konsum der droge schreiben bedarf einer immer größeren dosis: eine weitere schreibgruppe wird aufgesucht, das erste textbüchlein wird mit anderen veröffentlicht. die wäsche, das essen kochen und überhaupt das ganze abhängige soziale umfeld werden immer öfter vernachlässigt. die schreibgruppenteilnehmerInnen werden zu schreibgruppen-junkies. und das schlimmste am ganzen: sie verbraten auch noch ihre privaten erlebnisse in lustige oder ansprechende geschichten. plötzlich entdecken sich lebensabschnittsgefährtInnen in den vorgetragenen geschichten in lesungen wieder. und irgendwann sind sie gezwungen für sich zu entscheiden, wollen sie ihr leben weiter mit einem schreibgruppen-junkie verbringen oder ist es zeit zu gehen.

ja, es fängt alles erst so harmlos mit einem blumenstrauss und softdrinks an, doch schützen kann sich kaum jemand gegen die wirkung des besuchs einer schreibgruppe 😉

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