biografisches schreiben und mut

lernen zwei menschen sich kennen und schätzen, erzählen sie sich gern gegenseitig aus ihrer vergangenheit. was man so gemacht hat, wie es einem erging oder auch wo man gerade steht. eigentlich findet tagtäglich biografisches storytelling statt. doch beim kennenlernen werden gern die schwierigen situationen ausgespart. man erzählt sich nicht gleich von den größten ängsten, die einen begleiteten, von den krassen erlebnissen, die man hatte. nur manchmal geschieht das gegenteil, dann werden von anfang an die abgründe ausgebreitet. auch dies kann eine strategie sein, interesse beim gegenüber zu wecken. aber dann werden meist die schönen momente ausgespart.

das biografische schreiben kann dazu dienen, alle aspekte des eigenen lebens zu erzählen: schriftlich und erst einmal sich selber. es gehört eine gehörige portion mut dazu, sich den aspekten des lebens anzunähern, die man gern vor sich selber ausspart, die man beim kennenlernen anderer weglässt. und um es vorsichtig zu formulieren, der schritt muss nicht immer schön sein. er hat aber meist einen therapeutischen effekt: man hat noch einmal alles durchgearbeitet und kann es nach dem aufschreiben auf die seite legen.

es gibt keinen zwang, das biografische schreiben, zum aufhellen der eigenen dunklen flecken zu nutzen. es ist jedoch ein phänomen, dass das schreiben an sich förderlich ist, sich an dinge zu erinnern, die man bis dahin gut vor sich selber versteckte. da bedarf es zweierlei mut, zum einen „stopp!“ sagen zu können, wenn es einem zu weit geht (gerade in gruppen ist das nicht immer einfach) und zum anderen sich an die schwierigen situationen heranzuwagen. hilfreich kann es sein, sich mantra-artig zu sagen: ich bestimme selber wie weit ich gehen möchte. es ist meine lebensgeschichte und ich entscheide.

denn es gibt ein weiteres phänomen beim aufarbeiten der eigenen biografie: es gibt eine form der selbstverdächtigung, die von einem selber erwartet, dass da noch ganz tiefe abgründe schlummern müssten, die man nur noch nicht aufgedeckt hat. doch manchmal ist es einfach nicht so. da ist nichts schlimmes und böses, da ist einfach nur das bisher gelebte leben. man hat längst alles erfasst und muss nicht weitersuchen. man kann sich auch analysieren und analysieren und es findet kein ende, da man meint, sich zu wenig zu kennen. da besteht der mutig schritt dann darin, einfach sein leben zu leben, ohne hinter jeder handlung gleich eine schwierigkeit zu vermuten. vielleicht ist das alles nicht so tragisch und aufregend, wie man es erwartet.

und doch übt jede lebensgeschichte eine faszination aus, da sie immer einmalig ist. es gibt keine zwillingsgeschichten, die bei einem anderen menschen identisch verlaufen sind. das mutigste ist wahrscheinlich, festzustellen und überzeugt davon zu sein, dass die eigene lebensgeschichte eine wertvolle und subjektive ist. dass es niemanden gibt, der einem dies nehmen kann.

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