Tagesarchiv: 28. Juni 2011

wortklauberei (74)

„lehruntauglich“

heutzutage verbreiten bildschirme in u-bahnen die wichtigen dinge aus der welt. und vor ein paar tagen flackerte auf einen die aussage „etliche prozent der schülerInnen in deutschland seien lehruntauglich“ herab. was für ein ätzendes wort. dies zeigt eigentlich schon, wie schülerInnen betrachtet werden: als gegenstand. wenn schuhe regenuntauglich, uhren wasseruntauglich oder fahrradlichter strassenuntauglich sind, dann kann man dies verstehen. doch schülerInnen können nicht lehruntauglich sein.

lernen ist ein subjektiver prozess. doch unser schul- und lehrsystem basiert auf verallgemeinerungen, um eine bestimmte form der wissensvermittlung durchführen zu können. schon lange gibt es andere vorstellungen von lehren und lernen. es gibt auch verschiedene vorstellungen, wie zwingend zeitliche abläufe sein müssen. ich schreibe nur kurz „summerhill“ als alternative form des üblichen lehrens und lernens, ein projekt, das der selbstbestimmung den vorrang gibt.

„lehruntauglich“ sagt jedoch aus, dass die jugendlichen nicht zur „lehre“ passen. andersrum wird ein schuh daraus: die „lehre“ passt oft nicht zum lernen und vor allen dingen zu den jugendlichen. es wäre zu wünschen, dass dies endlich einzug in viele pädagogische konzepte erhält. „lehruntauglich“ personalisiert vor allen dingen und bereitet den weg, junge menschen vom lernen schon sprachlich fern zu halten. wenn sie es nicht schon verlernt haben zu lernen, dann sorgt die wortwahl für den rest. und vor allen dingen: was macht man nun mit so einem wissenschaftlichen ergebnis?

einziges ziel sollte es sein, die lehre zu verändern. das wäre konsequent, könnte persönlichkeitszuschreibungen unterbinden und sollte die lehre als lernuntauglich befunden werden, kann sie abermals reformiert werden. dann muss auch nicht an den persönlichkeiten der lehrenden rumgekrittelt werden.

wissenschaftliches schreiben und forschungsfrage

forschen ist der versuch, sich die welt weiter anzueignen, um mehr verfügung über die eigenen lebensbedingungen zu haben. das soll heißen, vieles auf der welt funktioniert auf eine art und weise, die uns menschen bis heute unerklärlich erscheint. stück für stück entschlüsselt der mensch, seitdem er denken kann, seine umwelt. abgesehen von der frage, wie real die wahrnehmung des menschen ist (eine frage, die wahrscheinlich kaum geklärt werden kann), möchte er mehr und mehr über seine lebensbedingungen wissen.

das bedeutet, forschung hat etwas mit neugierde, mit interesse und mit der suche nach erklärungen zu tun. leider verschwindet diese vorstellung in vielen wissenschaftlichen zusammenhängen. die verwertbarkeit der erkenntnisse und experimente steht immer häufiger im vordergrund. und zu dieser verwertbarkeit gehört es auch, dass die forschungsfragen gar nicht mehr selber von den wissenschaftlich schreibenden gesucht werden, sondern vorgegeben sind von der forschungsleitung. die forschungsfragen der einzelnen decken nur noch einen teilbereich eines großen forschungsprojekts ab. dies kann vereinzelt sehr spannend sein, endet aber nicht selten in purer zuarbeit zu den großen fragen.

sollte man aber die freiheit besitzen, seine forschungsfragen zum beispiel für eine abschlussarbeit stellen zu können, dann ist man aufgefordert, stück für stück seine neugierde offen zu legen und einzugrenzen. auch diesen prozess kann man durch schreibtechniken unterstützen und fördern. wie schon im vorherigen post aufgezeigt, bieten vor allen dingen das freewriting (eventuell fokussiertes) und das cluster, schon gute assoziative grundlagen. durch beide techniken kann das forschungsthema grob eingegrenzt werden.

nun lassen sich gedanken aus dem marketing anwenden, um weiter einzugrenzen. einfachstes (und gleichzeitig auch schwerstes) herangehen ist es, die forschungsfrage in eine einzige frage zu packen. oder man formuliert einen werbespruch für das eigene forschungsanliegen mit maximal acht wörtern. auf was für eine essenz lässt sich das forschungsinteresse verdichten. dies ist eine gute möglichkeit, zu verhindern, dass das wissenschaftliche schreiben ausufert und Weiterlesen