biografisches schreiben und vorurteil

der mensch braucht nur einen bruchteil von sekunden, um sich ein erstes bild von einem anderen menschen zu machen. der erste eindruck hat eine enorme bedeutung. untersuchungen haben ergeben, dass vieles am intuitiven ersten eindruck zutrifft. anscheinend haben wir ein gespür dafür entwickelt wer freund, wer feind, wer angenehm und wer unangenehm für uns ist. und doch fallen diese entscheidungen nicht frei von gesellschaftlich vermittelten einstellungen aus. da mag es eine biologische reaktion geben, doch genauso gibt es eine emotionale, beeinflusste reaktion.

„fremdes“ erscheint oft bedrohlich. wie weit mir aber etwas fremd erscheint, hat mit meinen vorherigen erfahrungen zu tun. und ob ich bestimmte erfahrungen gemacht habe, hat wiederum mit erziehung zu tun, mit dem umfeld, in dem ich lebe und mit dem, was ich lernen durfte. darum verfestigen sich vor allen dingen in autoritären gesellschaften gern vorurteile, da man ja nichts anderes kennt. und seien wir mal ehrlich, es gibt keinen menschen, der ohne vorurteile durch das leben wandert. wichtiger ist es, gelernt zu haben, diese schnell getroffenen urteile auch wieder revidieren zu können und zu dürfen. das heisst, auch den zweiten eindruck als wichtig zu erachten.

im biografischen schreiben kann man sich seinen vorurteilen, die man im laufe seines lebens hatte annähern. natürlich auch nur so weit, wie man sich selbst kritisch betrachten kann. das ist nicht ganz einfach, da es eben auch wieder von den gemachten erfahrungen abhängig ist. aber man kann beinahe „neutrale“ instanzen hinzuziehen. fragen sie doch einfach mal gute freunde, bei denen sie davon ausgehen können, dass die kein blatt vor den mund nehmen, was sie meinen, welchen vorurteilen sie raum geben. lassen sie die aussagen sacken, verstricken sie sich nicht in diskussionen darum.

man kann später für sich selber überlegen, ob man die einschätzung der anderen für sich annehmen möchte oder nicht. vielleicht geben die rückmeldungen einen hinweis auf weiße flecken in der eigenen wahrnehmung. aber, und dies finde ich ebenso wichtig, man muss aufpassen, sich nicht beständig selber zu verdächtigen. manche menschen scheuen es, klare urteile auszusprechen oder auch nur zu denken. unsere gesellschaft schwankt zur zeit sehr zwischen extremen urteilen und der scheu vor klaren positionen. das biografische schreiben ist eine möglichkeit, sich seiner positionen sicherer zu werden. wenn man anfängt schreibend zu reflektieren, kann es zu neuen erkenntnisse kommen oder man findet weitere argumente für die eigene haltung.

in der rückschau auf die eigene lebensgeschichte, könnte man sich auch fragen, wo man denn einem vorurteil aufgesessen ist, das man heute überhaupt nicht mehr so sehen würde. gerade die in den letzten jahrzehnten zunehmende antidiskriminierungsarbeit (auch wenn sie gern neue diskriminierungsfelder öffnet) hat in vielen bereichen zu einem gesellschaftlichen umdenken geführt. als teil dieser gesellschaft macht man viele veränderungen mit. wieso diese nicht notieren, um vielleicht denen, die die eigene biografie lesen, eine ahnung davon zu geben, dass viele anscheinende sicherheiten gar nicht so sicher sind. dies kann ein schöner effekt des biografischen schreibens sein.

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