schreibberatung und fühlen

wie bei jeder beratung, spielt auch bei der schreibberatung der vertrauensvorschuss eine große rolle. dessen sollten sich die beraterInnen bewusst sein: klientInnen oder ratsuchende bringen einem, dadurch dass sie einen mit den subjektiven problematiken aufsuchen und davon berichten, viel vertrauen entgegen. dies wird normalerweise nicht offen formuliert, hat aber einfluss auf das setting.

im gegenzug bemühen sich beraterInnen eine vertrauensfördernde und sicherheit vermittelnde atmosphäre zu schaffen. dies hängt eng mit dem versuch, sich in die situation der ratsuchenden zu versetzen, zusammen. die psychologie verwendet dafür den begriff „empathie“. empathie ist schwer in eine definition zu packen, hat aber mit der erlernten fähigkeit, sich verstärkt auf den anderen menschen einzulassen, zu tun. dies bedeutet, „mitfühlen zu können“.

dabei sollten beraterInnen sich bewusst sein, dass sie nie vollständig die beweggründe der klientInnen nachvollziehen können. selbst wenn sie beinahe identische situationen erlebt haben, bleiben die erfahrungen und das erleben doch immer ein subjektiver prozess. denn der mensch stellt seine erlebnisse in einen persönlichen kontext, der mit früheren erfahrungen in verbindung gebracht wird.

darum finden auch bei schreibberatungen aus sicht der beraterInnen zwei prozesse gleichzeitig statt: zum einen versucht man zu erspüren, wie die befindlichkeit der klientInnen im moment der beratung ist. zum anderen versucht man die emotionen durch nachfragen einzugrenzen und sich ein bild zu machen. dies ermöglicht es einem, eine angenehme und vertrauensvolle atmosphäre zu schaffen, die dem vertrauensvorschuss der klientInnen entgegenkommt.

die fähigkeit, empathie zu entwickeln, wird oft als begabung beschrieben. ich bin der meinung, dass es ein lernprozess ist, den jede(r) nachvollziehen kann. letztendlich geht es darum zu lernen, die ratsuchenden nicht zu deuten, sondern ihre aussagen für bare münze zu nehmen. es kann sein, dass sich im laufe der beratungsgespräch ganz andere beweggründe und zusammenhänge für die problematiken ergeben. doch im vorfeld ist das zurücknehmen von urteilen und vorurteilen den klientInnen gegenüber die wichtigste vertrauensbildende maßnahme bei der schreibberatung. und man kann eben lernen, den ersten eindrücken weniger gewicht zu geben.

das (mit)fühlen und (mit)spüren hat also viel mit den eigenen wertmaßstäben zu tun, und inwieweit man sie in den vordergrund stellt oder sich in beratungssituationen zurücknimmt. dies bedeutet auf keinen fall, die eigenen haltungen und einschätzungen vollständig zu verleugnen, es bedeutet nur, sie in fragen zu verpacken, um festzustellen, ob man richtig liegt oder sich geirrt hat. und auch bei beratungen macht übung den meister, die meisterin. man bekommt ein gefühl dafür, wie viel überwindung es die einzelnen klientInnen kostet, sich hilfe zu suchen. man bekommt übung darin, sich relativ schnell teilweise in die emotionale lage der ratsuchenden zu versetzen. und man schafft es gleichzeitig, sich klar von verantwortungsübertragungen abzugrenzen. so spielt das fühlen in der schreibberatung eine ebenso gewichtige rolle, wie die möglichen schreibtechniken und -methoden, die vermittelt werden.

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