biografisches schreiben und verzeihen

häufig wird der satz „das letzte was ich zu ihm / ihr gesagt habe, war … “ ausgesprochen, und dies nicht nur in filmen. oft genug realisieren menschen erst beim tod eines nahestehenden anderen menschen, welche chancen, situationen zu klären, versäumt wurden. auf der anderen seite gilt dann wiederum, dass über tote nicht schlecht zu reden sei. aber es gibt genauso gut unverzeihliche situationen, die eine versöhnung oder verzeihung unmöglich machen.

beim biografischen schreiben kann man einmal einen blick darauf werfen, wo es im eigenen leben konflikte gibt, die bis dato nicht bewältigt sind. gibt es situationen, in denen dem / der anderen verzeihen vorstellbar wäre? gibt es situationen, in denen versöhnliche schritte von der eigenen seite überhaupt nicht vorstellbar sind?

so sollte es opfern und gewalttätigen und sexuellen übergriffen selbst überlassen sein, inwieweit sie das geschehene verzeihen oder auch nur ruhen lassen können. hier darf es keine moral- oder handlungsweisungen geben. es mag zwar manchmal sehr edel wirken, wenn eine schlimme tat verziehen wird, es kann aber ebenso hilfreich sein, sich nicht mehr mit täterInnen auseinanderzusetzen und keine weitere auseinandersetzung führen zu wollen. auch „das verzeihen“ darf zu den akten gelegt werden.

gleichzeitig kann beim biografischen schreiben festgehalten werden, wen man selber um verzeihung gebeten hat. wo waren die eigenen fehltritte, die zu einem riss in freundschaften und beziehungen geführt haben? und wo brauchte man lang, bis man realisierte, dass der eigene anteil doch ein recht großer war und es an der zeit wäre, sich bei der anderen person zu entschuldigen, sie um verzeihung zu bitten?

man kann noch ein wenig tiefer gehen und sich selber fragen, warum es so notwendig schien, den konflikt nicht zu beenden. wo waren die kränkungen? welche angst herrscht vor, da man den nächsten schritt nicht schafft? was wäre so schlimm, wenn man in der versöhnung den ersten schritt machen würde? wenn man dann schon einmal bilanz zieht, dann kann gleich eine liste der personen erstellen, die man um verzeihung bitten möchte, und der personen, von denen man eigentlich noch eine entschuldigung erwartet.

auf beide personengruppen kann man in der nächsten zeit zugehen. man kann sich sogar einen zeitplan erstellen, bis wann man auf wen zugangen sein will. denn diese schritte haben etwas entlastendes. es gibt kaum etwas unangenehmeres, als das gefühl zu haben, nicht alles getan zu haben, um konflikte nach gewisser zeit zu befrieden. und da kann es sogar hilfreich sein, festzustellen, dass sich nichts befrieden lässt. man kann dann die angelegenheit für sich abschließen und auf distanz bleiben.

das biografische schreiben mit den verschiedenen schreibtechniken, der eigenen aktuellen situation näher zu kommen, bietet eine gute unterstützung, für sich selber die noch ausstehenden verzeihens-momente festzustellen. zudem kann man nach versöhnungsversuchen oder -aufforderungen darüber in der eigenen biografie berichten.

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