schreibberatung und verzeihen

nein, es geht nicht darum, dass sich schreibberaterInnen und klientInnen gegenseitig verzeihen. es mag situationen geben (selten), in denen dies notwendig sein kann. aber ich gehe von einer professionellen haltung bei schreibberatungen aus, die genug raum gibt für das klären eines fehlers oder schwierigen verhaltens.

es geht mir darum, dass gerade in der schreibberatung, das sich selbst verzeihen können, ein wichtiges thema werden kann. schreibkrisen und schreibblockaden hängen nicht selten mit vehementen selbstverurteilungen zusammen. klientInnen verzeihen sich nicht, dass sie fehler in ihrem text finden, dass das geschriebene nicht ihren hohen erwartungen und ansprüchen genügt. daraus entsteht die schwierigkeit, dass ein text nicht abgeschlossen, sondern ständig überarbeitet oder verworfen wird.

man kann in diesen momenten der beratung zwar schreibtechniken vermitteln, die vielleicht im laufe der zeit, einen schreibfluss ermöglichen, aber in manchen fällen muss man damit rechnen, dass ein freewriting als firlefanz und gehaltloses schreiben von den klientInnen beurteilt wird. die denkschleife, dass die eigenen schriftlichen produkte schlecht und ungenügend sind, benötigt eine andere aufarbeitung der schwierigkeit.

in diesem moment macht es sinn, die schreibbiografie ein wenig genauer zu betrachten und vielleicht noch darüber hinaus zu gehen, und der gesamten biografie einen blick zu zu werfen. woher kommt der gedanke, dass man stetig „unzureichendes“ produziert? ist dies irgendwo vermittelt worden und hat man die person von anderen menschen übernommen oder haben einen misserfolge in die denkrichtung gesteuert?

hier ist es notwendig die subjektivität von textkritiken aufzuschlüsseln. daneben muss eventuell betrachtet werden, warum man den urteilen anderer so viel gewicht gibt und dem eigenen per se misstraut. und es ist ein stück arbeit, sich für die eigene sehr menschliche nicht ganz perfekte schreibweise verzeihen zu können. es geht nicht darum kritik- und feedback-resistent zu werden, sondern es geht darum, den eigenen maßstab zu überprüfen. ist er angemessen oder an einen herangetragen und der perfektion verschrieben? was wäre das schlimmste, das passieren könnte, wenn der eigenen text nicht perfekt ist?

letztendlich muss den eigenen gelernten bewertungsstrukturen entgegen-gelernt werden, um sich „fehler“ verzeihen zu können. gern wird in diesen momenten die positive reaktion anderer menschen auf das produzierte ausgeblendet oder kleingeredet. auch hierauf sollte genauer geschaut werden. warum gibt man dem urteil mancher menschen viel mehr gewicht als dem anderer? wie kommt es, dass man anderen so viel macht über einen gibt?

sich verzeihen zu können ist nicht von der stärkung des eigenen selbstwertgefühls zu trennen. hier können schreibtechniken eine gute unterstützung sein, doch die eigentliche analyse der situation sollte gemeinsam in der schreibberatung stattfinden. erst danach werden klientInnen realisieren, welche anstrengung hinter dem wunsch nach ständiger fehlerlosigkeit steckt. das kann dann sehr entspannend sein.

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