Tagesarchiv: 1. Oktober 2011

schreibidee (312)

mehrere sinnesorgane geben uns ein bild der welt, das mehr als drei dimensionen abdeckt. wir sind mehr als visuelle wahrnehmung, auch wenn und das internet glauben machen will, die visuelle dimension sei die wichtigste. am meisten vernachlässigt in unserer bewussten wahrnehmung wird die nase, wenn wir nicht gerade mit stechenden gerüchen konfrontiert sind. da die nase aber unser weltbild im hintergrund in beträchtlichem ausmaß beeinflusst will dieses schreibidee zu „nasen-geschichten“ anregen.

dieses mal soll der blickwinkel der schreibgruppenteilnehmerInnen stark verändert werden. um einen einstieg zu finden, werden allen teilnehmerInnen die augen verbunden und geruchsproben gereicht. diese übung lässt sich am besten zu zweit durchführen. der einen person sind die augen verbunden und sie erhält eine geruchsprobe. dann diktiert sie der anderen person ihre assoziationen und eindrücke in stichworten. danach werden die rollen gewechselt, aber neue geruchsproben gereicht.

aus den notizen ihrer partnerInnen wählen die schreibgruppenteilnehmerInnen den für sie momentan interessantesten geruch aus, inzwischen wissen sie ja auch, was es war, und verfassen eine kurze geschichte dazu. die geschichten werden in der schreibgruppe vorgelesen, es findet aber keine feedbackrunde statt.

danach wird eine kleine entspannungs- und imaginationsübung gemacht, die vor allen dingen eine botschaft beinhaltet, sich vorzustellen nur eine große nase zu sein. also möglichst die anderen sinneseindrücke in den hintergrund zu drängen und sich auf die botschaften der nase zu konzentrieren. nun gehen die schreibgruppenteilnehmerInnen mit teilweise geschlossenen augen durch den raum oder die nähere umgebung und lassen die gerüche auf sich wirken. zwischendurch werden kurze notizen gemacht. was hat man gerochen? wie fühlte es sich an? an was erinnerte einen dieser geruch vielleicht?

zum abschluss wird nun eine geschichte geschrieben, in der die handlung und dinge vor allen dingen in form von gerüchen beschrieben werden. die nasen-geschichte ist also eine geruchs-story. wie die schreibgruppenteilnehmerInnen dies umsetzen, bleibt ihnen überlassen. es kann spannend sein, was dabei für olfaktorische bilder entstehen. alle versuchen ihre umwelt möglichst ausschließlich mit der nase zu erfassen.
anschließend werden die geschichten vorgelesen und es findet eine feedbackrunde statt. dabei sollte der fokus auf der umsetzung der beschreibung von gerüchen liegen. anschließend kann man ja vielleicht gemeinsam in einen parfum-shop gehen 😉 .

web 2.0 und digitalisierung der lebensgeschichte

zwei giganten des internets konkurrieren zur zeit um die daten der menschen, die sich im web 2.0 bewegen und digitale soziale netzwerke nutzen: facebook und google. dabei wird damit geworben, dass man doch seine biografie oder lebensgeschichte dem internet anvertrauen sollte, um sie immer wieder abrufbar parat zu haben.

google lässt momentan werbetrailer im fernsehen senden, die zeigen, wie vati die entwicklung seine kindes im netz festhält. und facebook wendet sich mit „timeline“ an seine nutzerInnen, um alle bewegungen im netz auf einem zeitstrahl zu vermerken. beide vorstellungen lassen eher zurückzucken, denn in jubelschreie ausbrechen. die effekte dieser digitalisierung des lebens sind schwer einzuschätzen. hier ein paar gedanken dazu:

es ist etwas anderes, ein klassisches fotoalbum anzuschauen und sich an die zeiten zu erinnern, als seine digitalen fotos automatisch mit allen selektierten ereignissen der damaligen zeit im kontext abzurufen. der blickwinkel, das umfeld sind vorgefertigt und ein veränderter blick auf alles, zehn oder zwanzig jahre später, wird erschwert. im web geht nichts verloren, wenn ich es nicht selber lösche. das schwelgen in der vergangenheit wird von einer digitalen nüchternheit und schärfe verdrängt, dass alle verarbeitungs- und verdrängungsmechanismen versagen müssen.

es ist etwas anderes in alten tagebüchern wieder zu lesen, als seine digitalen sozialen verknüpfungen von vor zwanzig jahren noch einmal revue passieren zu lassen. schreiberInnen der web-2.0-welt denken immer die leserInnen mit, ob private oder öffentliche, je nach voreinstellung der software. beim tagebuch schreiben wird auch gefiltert, aber nicht nach den kriterien der öffentlichkeit, sondern nach subjektiven schwerpunkten. was beschäftigte mich zu dieser zeit am stärksten? was bereitete mir schwierigkeiten oder freude?

es ist ein schutz für den menschen, nicht alle ereignisse und wahrnehmungen für alle zeit im gedächtnis zu behalten. der mensch kann verarbeiten, beiseite schieben, verdrängen, ausblenden, ignorieren und beschönigen. dies alles benötigt er, um sich weiterzuentwickeln und nicht in der vergangheit verhaftet zu sein. wenn aber kaum mehr ausgeblendet werden kann, da alles wieder abrufbar und gespeichert ist, dann bekommt der blick auf das leben beinahe autistische züge. verdrängung, ausblendung und selektion sind nur noch durch das bewusste löschen im netz möglich.

doch das hilfreiche in einer vielfältigen und angefüllten welt ist das unbewusste löschen und verarbeiten. träume oder vergesslichkeiten unterstützen im hintergrund diesen prozess. wird das nun in den vordergrund gezerrt, schwindet die entscheidungsfreiheit, mich nur Weiterlesen