biografisches schreiben und qual

menschen können ungemein grausam zueinander sein. irgendwer formulierte einmal, dass die kleinfamilie die brutstätte des bösen wäre. betrachtet man sich den umgang der menschen miteinander, wenn sie in kleinen gruppen nicht ganz freiwillig gemeinsam ausharren und die zeit verbringen müssen, dann wundert einen die gewalt, die tagtäglich beim zusammenleben stattfindet nicht so sehr.

und doch können formen von dauerhafter psychischer und körperlicher gewalt eine einzige große qual werden. so groß, dass man, um sich davor zu schützen, diese ereignisse ausblendet, verdrängt und von seiner person abspaltet. irgendwann später, wenn die qualvolle zeit schon längst vorüber ist, können erinnerungen an das vergangene in träumen, gedanken oder nur unerklärlichen gefühlen wieder auftauchen.

das biografische schreiben kann ein auslöser sein, plötzlich wieder an erinnerungen zu gelangen, die man für geraume zeit beiseite schieben konnte. das ist nicht gewünscht im biografischen schreiben, aber recht logisch, wenn man sich assoziativ und selbstanalytisch mit seiner lebensgeschichte auseinandersetzt. darum ist immer wieder vorsicht beim biografischen schreiben angeraten.

wenn man beim schreiben bemerkt, jetzt wird es unangenehm, jetzt fühlt es sich nicht mehr gut an, dann sollte man einen moment innehalten und sich überlegen, ob man an der erinnerung oder dem gedanken weiterschreiben möchte. die entscheidung darüber können nur alle für sich selber treffen. es kann heilsam sein, sich der erlebten qual noch einmal zu erinnern, um sie zu verarbeiten und endlich beiseite legen zu können. ebenso kann es bedrohlich sein, all diese qual gedanklich noch einmal zu durchleben, und dies eventuell ganz allein, ohne betreuung und unterstützung.

menschen haben für solche momente ganz gute selbstschutzmechanismen entwickelt. diese bauen auf die mechanismen auf, die man früher, als man sich in der qualvollen situation befand, angeeignet hat. die selbstschutzmechanismen dürfen auch beim biografischen schreiben die entscheidungen beeinflussen. denn das biografische schreiben dient nicht in erster linie dem aufdecken von verschütteten gefühlen oder dem überwinden von selbstschutz. biografisches schreiben ist nicht als therapeutisches mittel gedacht, sehr wohl kann es aber in therapien angewendet werden.

doch von keinem menschen kann man verlangen, dass er sich an seine erlittenen qualen wieder erinnert. menschen fangen dann an, sich mit ihren traumatischen erfahrungen auseinanderzusetzen, wenn die zeit für sie reif ist. schreibgruppen zum biografischen schreiben sollten nicht zur aufgabe haben, qualvolles offenzulegen, doch gruppenleitungen sollten immer gewahr sein, dass dies geschehen kann, und damit umgehen können. dann ist biografisches schreiben eine weiteres mittel zur selbstvergewisserung und wird auch in schwierigen momenten positiv erlebt.

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