biografisches schreiben und flucht

auf der welt fliehen tag für tag millionen menschen. sie fliehen vor kriegen, vor bränden, vor umweltverschmutzung, vor armut, vor dem verhungern oder vor unwettern und ihren folgen. das bedeutet oft, alles hinter sich zu lassen, das bis dahin halt gegeben oder vertrautheit hervorgerufen hat. viele menschen versuchen dann noch einmal ganz von vorne anzufangen. mal klappt es, mal nicht.

abgesehen fliehen wahrscheinlich mindestens so viele menschen in ihrem alltag vor der realität. sie fliehen psychisch. sie verdrängen, ignorieren und übersehen das was sich vor ihnen auftut. das kann daran liegen, dass die realtität als bedrohung, als zu schön um wahr zu sein oder als emotional unerträglich erscheint. diese fluchten sind oft nicht sichtbar, die umwelt hat keine ahnung davon. aber die menschen, die der realität entfliehen spüren oft, dass sie dies tun. und doch finden sie keinen anderen weg.

das biografische schreiben bietet die möglichkeit, beide aspekte zu betrachten und für sich selber zu formulieren. die literatur bietet viele beispiel für die körperlichen und geistigen fluchten. es kann etwas beruhigendes und befreiendes haben, seine erlebte, durchlebte oder gerade stattfindende flucht zu beschreiben. war es eine bewusste entscheidung zu fliehen? wurde man vertrieben? kündigte die flucht sich schleichend an? und wie empfand man die situationen, in denen man einen wichtigen halt verlor? wo fand man in solchen momenten halt?

und wenn selbst die körperliche und geistige flucht keine abhilfe schafft, dann begehen manche menschen sogar eine letzte flucht. sie nehmen sich das leben. auch dies kommt häufiger vor, als von vielen vermutet wird. etliche von ihnen hinterlassen noch geschriebene worte, ein letztes biografisches zeugnis, um anderen zu erklären, warum sie diesen schritt getan haben. in diesen momenten offenbart sich am deutlichsten, dass subjektive gründe von anderen nicht immer nachvollziehbar sind, selbst wenn sie beschrieben und erklärt werden.

flucht ist also eine möglichkeit, der ohnmacht über situationen herr zu werden. oft wird sehr spät geflohen, da es eine seltsame vorstellung davon gibt, situationen standhalten zu müssen, sie ertragen zu müssen. dabei ist die flucht, wenn sie nicht in einem vollständigen abschied endet, eine nützliche und sinnvolle reaktion, die wir menschen schon immer als möglichkeit in uns tragen. man darf konflikten und bedrohungen aus dem weg gehen.

beim biografischen schreiben kann man für sich noch einmal betrachten, wie hilfreich eventuell bestimmte fluchten waren. welche flucht einem selber im nachhinein übertrieben scheint. und man kann die verbindung zu einem grundgefühl herstellen, das auch dem selbstschutz dient: der angst. wenn sich die angst nicht verselbstständigt, dann ist sie unser bestes alarmsystem. beim schreiben bleiben diese themen schwierig, da sie gefühlswelten berühren, vor denen man manchmal gern weiterhin fliehen möchten. darum empfiehlt sich eine sehr vorsichtige annäherung an die flucht. und wenn man das gefühl hat, es geht einem zu nahe, sollte man beim biografischen schreiben den stift weglegen, tief durchatmen und ein anderes thema aufgreifen. vielleicht ergibt sich später eine bessere gelegenheit, sich mit den eigenen fluchten auseinanderzusetzen.

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