Tagesarchiv: 28. November 2011

„die große zukunft des buches“ von eco und carrière – ein buchtipp

das ganze buch ein gespräch zwischen zwei buchliebhabern und -sammlern: umberto eco und jean-claude carrière. auslöser für das gespräch ist die frage, ob die digitalisierung unseres lebens, das gedruckte buch zum verschwinden bringt? die leserInnen können sich schon nach ein paar seiten zurücklehnen und feststellen, die wahrscheinlichkeit ist sehr gering. denn die schrift ist eine ähnliche erfindung wie das rad, sie kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. der mensch kann nicht auf die schrift verzichten, seitdem er sie erkannt und entdeckt hat.

anders sieht es damit aus, wie die schrift verbreitet wird, natürlich verlagert sich vieles ins internet, aber auch hier wird man mit erfrischenden gedanken konfrontiert. ein großer stromausfall und vielleicht verschwindet das internet wieder so schnell, wie es gekommen ist. eco vergleicht die situation mit dem zeppelin: eine große katastrophe und die menschheit verzichtete auf diesen fortschritt. nun muss man nicht unbedingt darauf hoffen, vieles fortschrittliche bestand auch weiter, aber das gedankenspiel um die dauerhaftigkeit des buches, „die große zukunft des buches“ liest sich spannend und regt zu vielen eigenen gedanken an.

die beiden experten fragen sich zum beispiel auch, welche schriften uns eigentlich überliefert sind. sind das wirklich die schriften, die damals in den alten kulturen tonangebend waren oder sind es nur zufällige überbleibsel, deren gewicht in den damaligen gesellschaften marginal war? und was bedeutet dies für unsere gläubigkeit an überliefertes?

ein weiter bogen, der aber immer wieder zu der frage zurückführt, ob der unterschied zwischen internet und buch wirklich so groß ist, wie immer getan wird? denn auch früher bei den ersten büchern wurde schon wissen und weitergabe von wissen gefiltert. eco und carrière gehen sogar so weit, dass sie behaupten „unser wissen über die vergangenheit verdanken wir idioten, dummköpfen und gegnern“ (eine der kapitelüberschriften), da der rest verloren gegangen ist oder nicht weitergegeben wurde.

es wird richtig amüsant in dem gespräch, viel wissen wird vermittelt und der diskurs regt zu einer neuen sichtweise an. ich kann dieses buch jedem empfehlen, der sich mit den konsequenzen des internet für unsere gesellschaften auseinandersetzen möchte. ein kluges und witziges, gedrucktes buch 😉 es ist 2011 in münchen beim deutschen taschenbuch verlag erschienen. ISBN 978-3-423-34694-8

wortklauberei (89)

„der breite widerstand ist friedlich“

ja, manchmal fragt man sich, welche vorstellungen eigentlich inzwischen in dieser welt der dienstleistungen und des wohlverhaltens rumgeistern. oder man fragt sich, welche haltungen manche menschen in meinungsbildenden institutionen vor sich hertragen. am samstag wurde von den reaktionen auf den atommüll-transport nach gorleben in der „tagesschau“ berichtet. dabei brachte es die reporterin fertig, nach einem kurzen abstecher zu den gleisblockierern, die als sie geräumt werden sollten mit steinen warfen, folgenden satz zu äußern: „der breite widerstand ist friedlich.“

sorry, aber wie soll das gehen. sprachlich geht es jedenfalls gar nicht. ein blick in das deutsche wörterbuch der brüder grimm zum wort „widerstand“ und es findet sich folgende auflistung: „widerwärtigkeit, behinderung, widerstreben, gegenwehr, weigerung, fähigkeit zum widerstande, gegner„. dann ein blick in den thesaurus zum begriff „friedlich“ und es finden sich folgende wörter: „einträchtig, friedfertig, friedliebend, geruhsam, sanft, verträglich, friedfertig, gutmütig, pazifistisch, versöhnlich, glimpflich, harmlos, mild, sanft, weich, mild, sanft, seelenruhig, zahm„.

zuerst einmal: sprachlich geht dieser satz nicht, da er ein widerspruch in sich ist. auch wenn wir in einer widersprüchlichen welt leben, „widerstand“ und „friedlich“ gehen nicht zusammen oder heben sich gegenseitig auf. entweder ist es dann kein widerstand mehr oder es ist nicht mehr friedlich (da zum beispiel „ziviler ungehorsam“). wir widerstehen, indem wir genau nicht das tun, was man von uns teilweise erwartet, da wir unbeugsam sind. damit ist aber eine aktion verbunden, die eben nicht einträchtig, sanft und verträglich ist. sonst wäre es kein widerstand mehr.

aber das schlimme daran ist, dass mit dieser aussage noch etwas ganz anderes transportiert wird: widerstand ist nur erlaubt, wenn er eigentlich keiner mehr ist. und das in einer „neutralen“ nachrichtensendung.
diese debatten sind alt, da schon damals das blockieren von zufahrtswegen zu atomraketen-depots, das sich auf die strasse setzen als gewalt bezeichnet wurde. dagegen war das wegtragen durch die exekutive per politischer definition keine. dabei war entweder beides eine aktion und somit nicht gewaltfrei oder beides war friedlich und somit gab es keinen widerstand.

doch in der aussage der journalistin spiegelt sich eine vorstellung von widerstand wieder, die politischer nicht sein kann. man kann trefflich darüber streiten, auf welcher seite man steht, der der widerständigen oder der nicht-widerständigen, man kann aber nicht in einer berichterstattung verbreiten, die mehrheit leiste friedlichen widerstand (und im hintergrund mitschwingen lassen, das seien die „guten“). widerstand hat immer eine gewalttätige komponente, da muss man sich dann schon entscheiden, wenn man eine stellungnahme abgibt, ob man für den widerstand oder dagegen ist.

na ja, es wurde ja eine stellungnahme abgegeben, sie war gegen den widerstand. nur hat das etwas in einer nachrichtensendung verloren? ein einfacher bericht hätte genügt.