wissenschaftliches schreiben und textauswahl

was ist ein standardwerk? diese frage stellt sich allen menschen, die eine wissenschaftliche arbeit verfassen. denn die behauptung, dass ein buch oder ein text standard sei, ist leichter gesagt als geglaubt. ganz gleich, welches wissenschaftsgebiet und welches „fach“ man betrachtet, die aussagen, was standard in diesem forschungsbereich sei, gehen meist weit auseinander.

manchmal einigt sich ein forschungsverbund oder eine bestimmte wissenschaftliche schule auf ein grundlegendes werk, auf das sich alle weiteren schritte des forschens beziehen. somit kann man dieses buch oder diesen text für die jeweilige forschungsrichtung als standardwerk betrachten. und ich garantiere ihnen, es gibt mindestens einen vertreter, eine vertreterin dieser forschungsrichtung, die den „standard“ in frage stellen. das macht zwar zum einen überhaupt wissenschaft aus, also der diskurs über die grundlagen der eigenen annahmen und untersuchungen, es verunsichert aber gleichzeitig alle wissenschaftlich schreibenden, die überlegen, auf welches standardwerk sie sich in ihren betrachtungen beziehen sollten.

ein beispiel: sigmund freud hat großen einfluss auf die heutige psychologie gehabt. er wird oft erwähnt, zitiert und es wird sich auf ihn bezogen. noch häufiger stellen seine betrachtungen die grundlage für späteres psychotherapeutisches vorgehen und psychotherapeutische theorien dar. aber in der forschungsrichtung psychologie, an den hochschulen, wird freud kaum einbezogen. er wird mal kurz betrachtet, jedoch in vielen zusammenhängen als unwissenschaftlich abgetan. so werden die vorlesungen von freud sicherlich von den meisten lehrenden nicht als standard für ihre forschung in der psychologie betrachtet. bei den praktikern außerhalb der hochschulen sieht dies aber ganz anders aus.

doch wie soll man nun damit in einer wissenschaftlichen abschlussarbeit umgehen. einziger rat, den man geben kann, klären sie dies mit den wissenschaftlerInnen, die ihre arbeit betreuen. die vorstellung von „standardwerken“ ist eine zutiefst subjektive. das fiese daran ist, die verantwortlichen, darauf angesprochen, werden mit großer wahrscheinlichkeit immer sagen, dass ihre auswahl der standardwerke objektive kriterien folge und keinesfalls subjektiv sei. denn es handle sich schließlich um den standard aller. ohne diesen standard ist in ihren augen wissenschaftlliches arbeiten unvorstellbar. noch ein tipp: glauben sie es. verhalten sie sich strategisch und gehen sie erst einmal davon aus, wenn sie keine lust auf einen langen diskurs im rahmen einer abschlussarbeit haben.

noch einen schritt weiter: welche anderen texte und bücher sind für ihr wissenschaftliches schreiben relevant? auch hier ist die auswahl enorm, irgendwann müssen sie sich begrenzen. doch auf welcher grundlage? zum einen landen sie immer wieder bei der frage nach dem standard, zum anderen könnten sie bei jeder wissenschaftlichen arbeit weitere aspekte betrachten, die auch wichtig sind. es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich zu begrenzen. man kann dies „mut zur lücke“ nennen, man kann es aber auch als wissenschaftliches arbeiten bezeichnen. sich auf das wesentliche zu beschränken ist eine wichtige vorgehensweise, die immer begründet sein sollte.

wenn sie sich über das wesentliche für ihren text unsicher sind, dann kontaktieren sie die menschen, die ihren schreibprozess oder ihre abschlussarbeit betreuen. holen sie informationen ein, was diese menschen als wesentlich erachten. sie müssen den vorstellungen der anderen nicht vollständig folgen, aber sie haben dann einen anhaltspunkt zu orientierung und können sich dazu positionieren. außerdem verlangt niemand von ihnen, dass sie alle existierenden texte und bücher kennen. jeder wissenschaftlich arbeitende mensch trifft eine auswahl. und nicht jeder wissenschaftliche mensch muss wieder bei adam und eva starten. man bezieht sich auf andere, die vorarbeiten geleistet haben.

selbst wenn es sie zu verzweiflung bringt, das gefühl, wichtige aspekte bei ihrer arbeit vernachlässigt zu haben, vertrauen sie darauf, dass alle wissenschaftlich schreibenden menschen diesen weg gehen. denn wichtiger ist die bereitschaft, sich über ihre auswahl und ihre vorgehensweise auszutauschen. dies bedeutet wissenschaftliches arbeiten und ist grundlage des wissenschaftlichen schreibens. das ist also „standard“ 😉

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