biografisches schreiben und wildnis

auf viele menschen übt das unbekannt, wilde eine ungeheure faszination aus, vor der sie gleichzeitig zurückschrecken. dabei ergeben sich zwei überlegungen: vielleicht ist das wilde gar nicht so wild, wie es scheinen mag? und vielleicht ist das eigene leben wilder, als es scheinen mag? diese überlegungen sollen beruhigen, besänftigen, damit man nicht weiter dem romantischen verlangen nach wildem folgt. die folgen sind nicht abzuschätzen.

aber es gibt noch viel mehr besänftigungsüberlegungen: vielleicht möchte man nur das haben, das man nicht haben kann? wahrscheinlich ist die wildnis unglaublich anstrengend und unbequem? man sollte viel mehr das schätzen, was man hat. es wäre an der zeit, sich dies noch einmal vor augen zu führen. und so verharren die menschen in einem gezähmten zustand, und die wildnis wird in ihren augen beständig bedrohlicher und verlockender zugleich.

im biografischen schreiben kann man mal einen blick darauf werfen, wie weit man sich in festgefügten bahnen bewegt und in welchen momenten man ausbrach oder ausbrechen wollte. es gibt keine negative bewertung für festgefügte bahnen, so sie sich gut und angenehm anfühlen. sind aber obige überlegungen vorrangig angestellt worden, dann wäre die frage, warum nicht einfach mal geschaut wurde, wie wildnis wirklich ist. denn das erleben von wildnis ist ebenso wenig verallgemeinerbar, wie alles andere erleben auch.

wildnis muss nicht nur natur sein, wildnis kann sich auch im dickicht der städte befinden. die midlife-krise ist nichts anderes, als an etwas gewagtes, unbekanntes und wildes anknüpfen zu wollen. das wird bei uns oft lächerlich gemacht, und die scheu vor dem unklaren wächst. man kann für sich beim biografischen schreiben ja einmal klären, ob die sicherheiten im eigenen leben als einengung und erstarrung erlebt werden oder als schutz und geborgenheit.

wie schon öfter hier notiert, sind die „sicherheiten“ oft unsicherer und unklarer als sie vorgeben zu sein. da ist die anstrengung groß, an der „versicherten“ haltung festzuhalten. vielleicht sollte man sich in texten einmal erträumen, sich ausmalen, wie der eigene kontakt mit der wildnis aussehen könnte. was möchte man erleben, was möchte man auf keinen fall erleben und was würde man vielleicht erleben? lohnt sich ein umschwenken, ein verändern? und in welchen momenten des lebens lebte man schon einmal wild und gefährlich?

das biografische schreiben kann zwei effekte haben: die angst vor der wildnis reduziert sich und die neugierde darauf wächst. oder die gewissheit und beruhigung, sich in einer angenehm abgesicherten situation zu befinden, nimmt zu, es lebt sich beruhigter.

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