biografisches schreiben und privat

beim biografischen schreiben spielt die frage nach der privatsphäre die grösste rolle. ab wann gibt man beim veröffentlichen geschriebener texte zu viel preis? wie viel möchte man überhaupt preisgeben? und woran sollte man seine entscheidungen fest machen.

nicht nur in den digitalen sozialen netzwerken, auch sonst in der schreibenden und kommunizierenden welt hat man manchmal das gefühl, menschen gehen zu weit in der offenlegung des privatesten. ich kann das meist daran festmachen, wenn das „fremdschämen“ einsetzt. da kommt das gefühl auf, hier tut sich jemand keinen gefallen. hier kotzt mir jemand medial sein leben vor die füsse und erzählt mir dinge, die ich gar nicht wissen will.

das biografische schreiben ist da eine gratwanderung. generell schreibe ich ja meine lebensgeschichte, um mehr, eventuell viel von mir zu berichten. ich schreibe meine biografie auf, und dies natürlich möglichst schonungslos, möchte nichts vor mir selber verheimlichen. das ist teilweise auch sinn und zweck des biografischen schreibens. nur erst einmal macht man dies in erster linie für sich selber. so wird man mit großer wahrscheinlichkeit nicht auf die idee kommen, seine tagebücher, wenn man welche schreibt, eins zu eins zu veröffentlichen.

da gibt es die weinerlichen abschnitte, die sich ständig wiederholenden wünsche, flüche und sorgen. da liest man schmachtendes, das man aus der heutigen sicht nicht mehr aufrecht erhalten will, da hat sich manches überlebt. man hat trauer, bösartigkeiten und vieles mehr notiert. man schaltet also einen filter vor, wenn man einen teil bekannt machen oder auch nur guten freunden geben möchte. nur in der therapie entwickelt sich keine scham, wenn andere das original lesen.

das privateste scheint gar nicht für andere menschen geeignet zu sein. es tut gut, manches für sich zu behalten, etwas, teils auch sehr verletzliches, vor den kommentaren und einwendungen der anderen zu schützen. selbst partnerInnen erfahren selten die intimsten gedanken. es gibt da oft etwas in uns, das nur uns gehört.

leider gibt es aber auch das soziale bestreben, ja beinahe den zwang, möglichst alle offenzulegen, keine geheimnisse zu haben, „total“ ehrlich zu sein. menschen überfordern sich damit selbst und gegenseitig. das bedeutet nicht, dass sich gleich überall abgründe auftun werden, wenn ehrlichkeit waltet. es bedeutet, dass menschen ihre rückzugspunkte und -orte verlieren und stück für stück sich ausliefern. ich finde, es ist zeit, das private wieder mehr zu schützen. sich gegen verdächtigungen zu wehren, wenn man nicht jedem alles erzählen möchte. sehr genau zu unterscheiden, wem man was mitteilen möchte.

auch biografisch geschriebenes sollte diese filter durchlaufen. es tut einem selber gut, wenn man einige zeit darauf verwendet, gedanklich durchzuspielen, wem man was mitteilen möchte. man schützt damit nicht nur sich selber, sondern auch in den schilderungen beteiligte. auch wenn es zum guten ton der selbstdarstellung gehört, das innerste nach außen zu kehren, ein maßstab kann die vorstellung des fremdschämens der anderen sein. und eine frage kann sein: kann ich damit rechnen, dass die menschen mit meinen persönlichen gedanken so umgehen, wie ich es gern hätte?

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