wissenschaftliches schreiben und schreiben

im gegensatz zum vorherigen post ist das wissenschaftliche schreiben ein ort der konventionen. kaum eine schreibform ist so klar reglementiert und standardisiert. es gibt einen beinahe weltweiten konsens für veröffentlichungen, formen des zitierens, abschlussarbeiten und dergleichen mehr. ziel des ganzen ist der (krampfhafte) versuch, wissenschaftliche erkenntnisse vergleichbar zu machen. leider leidet unter diesen konventionen meist die schreibsprache und ein großteil der wissenschaftlichen schreibe kommt unglaublich langweilig daher.

dass es auch anders geht, zeigen meist vorträge, vorlesungen oder „populärwissenschaftliche“ texte. hier darf wieder ausgeschmückt, animiert oder akzentuiert werden auf teufel komm raus. von sehr ernsten wissenschaftlern werden diese formen der äußerung abgewertet und gleichzeitig ihr gehalt in frage gestellt. wie wenn wissenschaft frei von jeder schreiblust sein müsse. so lange nicht fabuliert wird, also behauptungen aufgestellt werden, die nicht beweisbar und nachvollziehbar sind, dürfte eine entkrampfte sprache den wissenschaften eigentlich nicht schaden. (übrigens wird in den konventionellen forschungstexten teilweise versteckt unglaublich viel fabuliert, werden ganze forschungsergebnisse gefälscht.)

wer also nicht seinen status in den forschenden welten verlieren möchte, der halte sich an die konventionen. und wenn er mutig ist, dann veröffentlicht er noch nebenher ein knalliges populärwerk. doch auch dabei sei vorsicht geboten, denn zu viel aufmerksamkeit kann schnell bei anderen den oben beschriebenen reflex auslösen: zweifel an der ernsthaftigkeit des wissenschaftlichen vorgehens. es ist faszinierend, wie durch diese bewertungen eine form der hierarchie innerhalb des wissenschaftsbetriebs aufrechterhalten wird. da können meine erkenntnisse noch so bahnbrechend sein, sie müssen in eine vorgegebene form gegossen werden.

deutschland ist in diesem zusammenhang eines der spassfreiesten länder. in den angloamerikanischen ländern geht es oft ein wenig gelassener. wer das überprüfen möchte, der gehe einmal auf einen kongress oder eine tagung und höre sich die auftaktreden an. man gähnt sich beinahe zu tode, da selbst unbeteiligte selten herausfordernde thesen formulieren. es wird fast alles in gutachter-sprech vorgetragen, es wird noch diesen oder jenen unterstützerInnen gedankt, aber eine abweichung von diesem programm sucht man vergebens. dabei bieten uns schreibe und sprache so viele möglichkeiten der akzentuierung, des verständlich machens und der beschreibung, dass wissenschaftliche erkenntnisse durch die nutzung der möglichkeiten nicht verwässert oder hinfällig würden.

womit ich wieder bei der hierarchie wäre: wer im wissenschaftsbetrieb etwas werden möchte, der sollte sich sicherlich an die konventionen der forschungsmethoden halten, warum er sich an die konventionen der veröffentlichungsmethoden halten muss, konnte mir bisher niemand ausreichend erklären. doch weicht man ab, ist man schnell raus aus berufungs- und besetzungsverfahren. da mag zwar science-slam ein versuch sein, die konventionen etwas aufzubrechen, doch wenn es um die wissenschaftliche bewertung geht, muss alles wieder zurück auf null gefahren werden.

und so quälen sich viele menschen durch zeilenabstände, entlang von zitierregeln, mit einer halbdistanzierten sprache, werfen mit fachtermini nur so um sich und versuchen beinahe jedes fremdwörterlexikon zu überbieten. die begeisterung für das fach und die profession bleiben bei dieser schreibe leider auf der strecke.

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