Tagesarchiv: 30. Januar 2012

biografisches schreiben und lust (2)

über die lustvollen erlebnisse im eigenen leben wurde hier schon nachgedacht und darüber wie man sie in die eigene biografie einbinden könnte (siehe https://schreibschrift.wordpress.com/2009/06/15/biografisches-schreiben-und-lust/). doch dieses mal möchte ich den blick auf die lust am biografischen schreiben lenken, denn die beschäftigung mit dem eigenen leben hat auch eine sehr angenehme komponente, mit der wenige rechnen.

beim biografischen schreiben geht es nicht nur darum, vergangenheiten aufzuarbeiten, verdecktes offenzulegen und erinnerungen zu reaktivieren. es geht auch darum, sich seiner zu vergewissern, also für sich selbst eine haltung zu finden, die nicht mit vergangenem hadert. oft wird erklärt, dass der schritt dorthin anstrengend und schwer sei. sich all die widrigkeiten zu vergegenwärtigen, um sie loszulassen, koste viel energie und es gehe einem dann nicht immer gut. das ist möglich, doch oft genug ist das gegenteil der fall.

die schönen momente im leben vergessen wir gern schneller, als die widrigen. das schmerzhafte und problematische bleibt anscheinend besser im langzeitgedächtnis haften und scheint leichter abrufbar zu sein. fragen sie einmal andere menschen, welches die eindrücklichsten erlebnisse in ihrem leben waren und sie bekommen oft traumatische ereignisse geschildert. viele schreibtechniken des biografischen schreibens können aber auch darauf angewendet werden, sich verstärkt an die schönen dinge der eigenen biografie zu erinnern.

und plötzlich fällt menschen auf, wie viele schöne momente sie erlebt haben. es geht mir hier nicht um vorstellungen des „positive thinking“, sondern um das gleichgewicht Weiterlesen

schreibidee (337)

genug selbstreflexion in den letzten schreibideen. nun ist es an der zeit, anderen einmal den weg zu weisen, denn die selbsterkenntnis möchte auch weitergegeben werden. da gibt es die schlichte und zurückhaltende variante: irgendwo etwas veröffentlichen, seine sicht der dinge darstellen. dann gibt es die kritisierende variante: einen kommentar abgeben. und dann gibt es die belehrende, direkte und eindringliche variante: eine predigt halten. darum ist dies eine schreibanregung für „predigt-texte“.

vorab sei gleich angemerkt, es soll nicht um formen der predigten aus den gotteshäusern diverser glaubengemeinschaften gehen. es geht um eine satte vermittlung von lebensvorstellungen. darum ist der einstieg ein schneller und einfacher. die schreibgruppenteilnehmerInnen werden aufgefordert, eine „gardinenpredigt“ (strafrede, die der gatte von der gattin hinter der gardine, d. h. im bette gehalten bekommt – wörterbuch der brüder grimm) zu schreiben. es mögen predigten geschrieben werden, die schon längst überfällig sind. diese texte werden nicht in der schreibgruppe vorgetragen und sollten nicht länger als zwei seiten sein.

nun wird eine zwischenform zwischen der gardinenpredigt und einer predigt verfasst. dabei geht es darum, missstände anzukreiden, die schon lange existieren, aber sich nicht ändern. im vorfeld notieren die teilnehmerInnen für sich jeweils drei missstände, die sie ärgern und die sich seit jahren nicht ändern. die ideen werden anschließend am flipchart gesammelt. nun wählen sich die schreibenden ein thema aus und schreiben eine predigt von maximal drei seiten. diese werden vor der schreibgruppe stehend in einem möglichst mahnenden und predigenden tonfall gehalten. es wird keine feedbackrunde durchgeführt.

anschließend ist es an der zeit, das große werk anzugehen. welches ist ein großer gedanke, über den man schon häufiger vor anderen sprechen wollte? wozu, glaubt man, anderen etwas vermitteln zu können? die teilnehmerInnen wählen ein thema für sich und notieren sich erst einmal die grundaussage ihrer predigt. dann sollten sie sich überlegen, auf welche erkenntnisse anderer sie sich bei ihrer aussage stützen können. vielleicht haben sie ein zitat parat oder können aus vorhandenen büchern oder dem internet eines auswählen. entweder wird nun das zitat oder eine eigene these der predigt vorangestellt.

die eigentliche predigt sollte an ein thema heranführen, eine these oder fragestellung formulieren und dann lösungsvorschläge für zukünftige situationen oder handlungen anbieten. es dürfen auch persönliche erlebnisse, gedanken oder erkenntnisse eingeflochten werden. wichtig ist dabei nur der eindringliche tonfall, der die anderen von der eigenen haltung überzeugen sollte. natürlich können die logischen schlussfolgerungen im text ein übriges leisten. die predigt wird wieder vor der schreibgruppe gehalten. zum abschluss findet eine feedbackrunde statt, in der die anderen teilnehmerInnen rückmelden, wie sehr sie sich angesprochen fühlten. danach gehen alle hoffentlich beseelt und geläutert nach hause 😉