Tagesarchiv: 9. Februar 2012

„die gebeugte stadt“ – ein lesetext

er wandelte durch die strassen und seine angst wurde unbeschreiblich. lang war er nicht mehr hier gewesen und am anfang war ihm auch nichts aufgefallen. doch irgendwann spürte er, dass ihm etwas fehlt. ganz gleich, wo er sich hin bewegte, irgendwas irritierte ihn. und dann fiel es ihm auf: die menschen auf den strassen blickten ihn nicht mehr an.

seitdem er bemerkt hatte, dass niemand mehr den augenkontakt sucht, seitdem schaute er seine mitmenschen noch intensiver an. und je länger er wieder in der stadt war, um so stärker fröstelte es ihn. langsam stieg die angst in ihm hoch, dass sich etwas geändert hatte, und er hatte es nicht mitbekommen.

da machte er es sich zur aufgabe, jeden tag auf die strasse zu gehen, herumzuwandeln und sich umzuschauen. vielleicht konnte er herausfinden, was seine stadt so verändert hatte. gerade einmal zwei jahre war es her, dass er das letzte mal hier war.

so steht er nun wieder auf der strasse vor seinem haus. beim blick nach links fällt ihm eine frau an der bushaltestelle auf, die gebeugt an der informationssäule steht und nur ab und zu den blick auf die strasse wirft, um den herannahenden bus zu sehen. gerade als er den weg rechterhand einschlagen will kommt ein junger mann von links, kreuzt seinen weg und schreitet gebeugt nach rechts an ihm vorüber. er denkt sich, dem muss ich folgen, ich laufe ihm einfach hinterher, vielleicht kann ich feststellen, was ihn so bedrückt erscheinen lässt.

während er dem jungen mann folgt, bemerkt dieser das anscheinend überhaupt nicht. der gebeugte überquert an diversen ampeln strassen und steuert zielstrebig auf den u-bahnhof zu. selten blickt er für einen moment nach links oder rechts, eigentlich nur, wenn er sich nicht sicher ist, ob nicht doch ein auto kommen und ihn erfassen könnte. dann geht der mann weiter gebeugt seines weges. er folgt ihm die treppen in den bahnhof hinab, folgt ihm auf den bahnsteig und stellt sich neben ihn, um vielleicht einen blick erhaschen zu können.

nichts, auch auf dem bahnsteig hebt der mann kaum seinen kopf, nur kurz, als die bahn einfährt und er in den waggon steigt. er setzt sich neben den mann, der nun mit gebeugtem kopf auf seinem sitz sitzt. er blickt sich um und seine angst bekommt weiter futter. überall sitzen gebeugte menschen. auch in der u-bahn lässt kaum jemand Weiterlesen

schnickschnack (113)

im rahmen der selbstoptimierung kann alles noch ein wenig effektiver und schneller werden. einer der boomenden begriffe ist das „zeitmanagement“. so sind inzwischen jeder und jede aufgerufen, sich selber perfekt zu takten. und da die zeiten zwischen arbeit und freizeit in vielen berufen verschwimmen, da die erreichbarkeit eines jeden im vordergrund steht, darum ist vieles verbesserungsbedürftig.

also gestalten sie sich doch ihr leben noch ein wenig schneller, gehetzter, getakteter und effektiver. wozu zeit mit überflüssigem wie smalltalk oder hobbies verschwenden, es geht doch auch anders 😉 schon vor einiger zeit erschienen im magazin der süddeutschen zeitung 33 hilfreiche tipps, wie man im rahmen der selbstoptimierung noch mehr zeit sparen kann: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36760 .

so humorvolle die ratschläge sind, sie treffen ins schwarze, bei dem planungs- und organisationswahnsinn, dem die meisten von uns inzwischen unterliegen. wenn kinder und jugendliche schon mit terminkalendern rumlaufen, um noch ihren alltag überblicken zu können und wenn erwachsene sich piepend auf den nächsten zeitabschnitt aufmerksam machen lassen müssen, dann scheint irgendetwas nicht mehr zu stimmen.

die einfachere variante bestünde darin, den kalender in einer reform verändern zu lassen und jedem tag 36 stunden zu zu weisen. die veränderung von kalendern diente auch früher schon den wirtschaftlichen anforderungen, warum darauf im rahmen der wirtschaftskrisen nicht zurückgreifen? 😯