„die gebeugte stadt“ – ein lesetext

er wandelte durch die strassen und seine angst wurde unbeschreiblich. lang war er nicht mehr hier gewesen und am anfang war ihm auch nichts aufgefallen. doch irgendwann spürte er, dass ihm etwas fehlt. ganz gleich, wo er sich hin bewegte, irgendwas irritierte ihn. und dann fiel es ihm auf: die menschen auf den strassen blickten ihn nicht mehr an.

seitdem er bemerkt hatte, dass niemand mehr den augenkontakt sucht, seitdem schaute er seine mitmenschen noch intensiver an. und je länger er wieder in der stadt war, um so stärker fröstelte es ihn. langsam stieg die angst in ihm hoch, dass sich etwas geändert hatte, und er hatte es nicht mitbekommen.

da machte er es sich zur aufgabe, jeden tag auf die strasse zu gehen, herumzuwandeln und sich umzuschauen. vielleicht konnte er herausfinden, was seine stadt so verändert hatte. gerade einmal zwei jahre war es her, dass er das letzte mal hier war.

so steht er nun wieder auf der strasse vor seinem haus. beim blick nach links fällt ihm eine frau an der bushaltestelle auf, die gebeugt an der informationssäule steht und nur ab und zu den blick auf die strasse wirft, um den herannahenden bus zu sehen. gerade als er den weg rechterhand einschlagen will kommt ein junger mann von links, kreuzt seinen weg und schreitet gebeugt nach rechts an ihm vorüber. er denkt sich, dem muss ich folgen, ich laufe ihm einfach hinterher, vielleicht kann ich feststellen, was ihn so bedrückt erscheinen lässt.

während er dem jungen mann folgt, bemerkt dieser das anscheinend überhaupt nicht. der gebeugte überquert an diversen ampeln strassen und steuert zielstrebig auf den u-bahnhof zu. selten blickt er für einen moment nach links oder rechts, eigentlich nur, wenn er sich nicht sicher ist, ob nicht doch ein auto kommen und ihn erfassen könnte. dann geht der mann weiter gebeugt seines weges. er folgt ihm die treppen in den bahnhof hinab, folgt ihm auf den bahnsteig und stellt sich neben ihn, um vielleicht einen blick erhaschen zu können.

nichts, auch auf dem bahnsteig hebt der mann kaum seinen kopf, nur kurz, als die bahn einfährt und er in den waggon steigt. er setzt sich neben den mann, der nun mit gebeugtem kopf auf seinem sitz sitzt. er blickt sich um und seine angst bekommt weiter futter. überall sitzen gebeugte menschen. auch in der u-bahn lässt kaum jemand seinen blick schweifen. drei waggons weiter, er sitzt in einem dieser züge, in dem alle waggons miteinander verbunden sind, da gibt es einen mann in seinem alter. der gleichaltrige ist einer der wenigen, der fröhlich in die runde blickt.

wie kann der so fröhlich sein, wenn kein mensch notiz von ihm nimmt? sie blicken alle in ihren schoß und vermeiden jeglichen kontakt mit ihren nachbarn. er fühlt sich einsam, auch wenn er einen kurzen augenkontakt mit dem anderen, umherblickenden mann hat. es war einmal eine so fröhliche stadt, denkt er. was hatte er nicht alles auf seinen u-bahn- oder nachtbus-fahrten erlebt? er ist mit so vielen menschen ins gespräch gekommen. er konnte im laufe der zeit anerkennende und abweisende blicke voneinander unterscheiden. er konnte das verstohlene beobachten spüren, wenn ihn jemand interessant fand.

zu seiner angst gesellte sich stille. auch wenn ihn manchmal das geplapper der jugendlichen nervte oder das gebrüll ins handy, wenn die verbindung schlecht war. er hatte doch immer das gefühl, mitten im leben zu sein. aber nun weiß er nicht mehr, wie ihm geschieht, und das macht angst. angst, die anwächst, je ruhiger es in den waggons wird. alle schweigen über ihre beine gebeugt und wirken, wie wenn sie vom verkehrsunternehmen willenlos an einen unbekannten ort abtransportiert werden.

er hält es nicht mehr aus. ihm fehlt zu viel. das macht keinen spaß mehr. kein gesicht mehr, das ihn anlächelt oder grimmig in die runde schaut. keine scham mehr, kein entsetzen. gebeugte gleichgültigkeit. er steht auf, baut sich im gang zwischen den sitzbänken auf und brüllt durch den gesamten zug:

„und das alles nur, weil vor zwei jahren dieses beschissene iphone auf den markt kam!!!“

cz – februar 2012

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