schreibpädagogik und nähe

in schreibgruppen kann sowohl „textliche nähe“ als auch nähe zwischen den teilnehmerInnen hergestellt werden. die beiden varianten hängen oft zusammen. wenn texte verfasst werden, die einem „nahe kommen“, dann gehen sie nicht selten ebenso anderen nahe. und durch den austausch über nahe gehende texte entsteht wiederum zwischen den teilnehmerInnen von gruppen nähe. eindeutig prädestiniert für das erzeugen von nähe in schreibgruppen ist das biografische schreiben. hier wird persönliches untereinander offengelegt. aber, wie schon oft beschrieben, kann beim kreativen schreibn ebenso viel persönliches einfließen und vermittelt werden.

doch was ist nun bei der leitung von schreibgruppen in bezug auf „nähe“ zu beachten? in erster linie die eigene rolle. es ist eine beständige gratwanderung, selber an der nähe teilzuhaben und gleichzeitig eine gruppe zu leiten. hierbei ist immer der arbeitskontext zu beachten: befinden sich die teilnehmerInnen in einem abhängigkeitsverhältnis zu einem? hat man eine aufsichts- oder erziehungpflicht? ist die teilnahme freiwillig und / oder ein lockerer verbund?

wenn man die eigene rolle realisiert hat, dann kann man sich überlegen, wie man in diesem rahmen agieren möchte. es ist zum beispiel zu beachten, wie weit nähe zu einzelnen teilnehmerInnen von schreibgruppen entsteht und welche reaktionen dies bei anderen hervorruft. hierbei wäre eine klare trennung von arbeit und freizeit hilfreich. als gruppenleitung trägt man verantwortung für alle und natürlich gibt es immer ein bedürfnis, gleichberechtigt zwischenmenschlich zu agieren. bevorzugungen und ablehnungen sollten vermieden werden.

auf der anderen seite agiert man als leitung auch nur als mensch, als subjekt, das gefühle entwickelt. dies sollte man nicht ignorieren, so sehr auch immer wieder die nötige distanz betont wird. zu viel distanz macht schreibgruppen schnell zu lehrveranstaltungen, die im frontalunterricht enden. doch eine große chance von schreibgruppen besteht eben auch darin, nähe entstehen zu lassen. vergleichbar ist dies vielleicht mit einem orchester, das auf der einen seite dem dirigenten oder der dirigentin folgt, jedoch gleichzeitig einen gleichklang finden sollte, der nur über kooperation und annäherung entstehen kann.

als schreibgruppenleitung macht es sinn, sich zwischendurch zu fragen, ob man noch eine gewisse ausgewogenheit in der aufmerksamkeit beibehält. und sollte man feststellen, dass das nicht der fall ist, dann ist genauer hinzuschauen. natürlich darf man auch als leitung signalisieren, dass man das eine thema interessanter findet als ein anderes. also auf der ebene der textlichen nähe darf man sich ohne probleme positionieren, so wie dies alle teilnehmerInnen der gruppe dürfen. bei der persönlichen nähe ist zurückhaltung angebracht, so lang man die rolle der leitung inne hat. diese rolle darf man aber beim umgang mit erwachsenen menschen verlassen, wenn es zum beispiel im anschluss an gruppentreffen zum gemütllichen teil übergeht. wichtig scheint mir nur, klar zu signalisieren, dass man sich nun eher in einem privaten kontext bewegt.

all dies bleibt aber, wie schon geschrieben, immer eine gratwanderung. aber das macht das zusammensein von menschen generell aus.

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