biografisches schreiben und haltung

was würden sie als ihre grundhaltungen in ihrem leben bezeichnen? diese frage kann zum (schreib)anlass beim biografischen schreiben genommen werden, um einmal zu schauen, mit welchen positionen man sein leben meistert. es gibt keinen menschen, der keine meinung hat. auch wenn viele auf nachfragen sagen, „ich habe dazu keine meinung.“, wissen sie doch genau, dass dies nicht stimmt.

man hat eine meinung, nimmt eine haltung ein, will sie aber nicht offen legen. das ist das schöne am biografischen schreiben: wenn man es nicht offenlegt, kann man einmal alles aufschreiben, was man anderen noch nie sagen wollte. wie sieht es also in ihrem inneren aus? wie stehen sie zu fragen der ethik und moral? welche politik finden sie gut? wen haben sie das letzte mal gewählt? bei welchen themen fällt es ihnen extrem schwer, eine klare haltung einzunehmen?

und die spannendste frage, warum behalten sie manche haltungen für sich. abseits des gedankens, man müsse ja nicht jedem menschen alles erzählen, bleibt es doch ein interessantes detail, dass man zu manchen themen auch den besten freundInnen nichts mitteilt. spüren sie einmal in sich hinein, was sie denken und fühlen zu den heiklen themen unserer welt.

wenn man sich seiner haltung schriftlich annähert, wenn man also seine vergangenheit betrachtet und sich überlegt, auf welche seite man sich geschlagen hat, bei welchem thema man nach außen trat und seine haltung mitteilte, dann offenbaren sich manchmal aspekte, die man von sich selber bis dahin nicht genau kannte. das schreiben fördert das erschließen von gründen für das eigene verhalten und die eigene haltung. man kann also ein wenig nabelschau betreiben und das unterfüttern, was das biografische schreiben ausmacht: man kann die gründe für seine eigenen handlungen klarer benennen.

das bedeutet nicht, dass man sich rechtfertigen muss, es bedeutet nur, mir werden meine handlungen noch ein wenig bewusster (aber nur, wenn mir vorher nicht so ganz klar war, weshalb ich was getan habe). daneben bekommt das schriftliche nachdenken über die eigene haltung beinahe philosophische dimensionen: der urschleim unserer sozialen aktivitäten basiert auf haltungen. und unsere haltungen entstehen aus erlebtem, also erfahrenem, aus vermitteltem, also erziehung und aus erhaltenem, also vererbtem, gesellschaftlich entwickeltem.

spannend scheint es mir auch, ob man sich erlaubt, seine eigene haltung zu revidieren. wir leben in einer gesellschaft, die es kaum akzeptiert, dass ein mensch umdenken kann und eine andere haltung einnimmt. wir wünschen uns zwar in ganz vielen zusammenhängen, dass sich die menschen ändern, sind aber abgrundtief misstrauisch, wenn sie es wirklich machen. es scheint, wie wenn uns in diesen momenten die welt so instabil erscheint, dass wir gern am alten festhalten würden.

ich hatte mal einen lehrenden, der eindrücklich darlegte, dass es ein positiver aspekt des lebens ist, sagen zu können, und morgen darf ich auch ganz anderer meinung sein, da ich nach reiflicher üblegung zu einem anderen schluss gekommen bin. wichtig scheint mir nur, dass es in manchen lebenszusammenhängen wichtig ist, dieses umdenken den anderen auch mitzuteilen. aber schreiben sie doch einmal auf, wann sie in ihrer biografie umgedacht haben – ich bin mir sicher, das waren mit die aufregendsten momente ihrer lebensgeschichte. und exakt diese momente interessieren auch oft die anderen, wenn man das biografisch geschriebene veröffentlichen möchte.

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