Tagesarchiv: 1. Mai 2012

nabelschau (67)

gentrifizierung ist überall. ein moderne, seltsamer begriff, der etwas beschreibt, das es schon immer gegeben hat. die schwierigkeit besteht darin, dass die doppeldeutig des begriffes inzwischen zu einem politikum wird. übersetzt heisst gentrification eigentlich „aufwertung“. und das kleine wörtchen „wert“ spielt die hauptrolle in diesem zusammenhang. denn es geht um die gerechtigkeit und verteilung in gesellschaften. ein beispiel:

einer der schönsten biergärten in berlin, am rand eines parks gelegen, seit jahrzehnten dort ansässig, ist im sommer treffpunkt von vielen menschen. der vorteil des gartens war es, dass er weit genug von wohnhäusern entfernt war und somit niemanden der rege betrieb bis in die tiefe nacht störte. in den letzten zwei jahren entstanden in der nähe des biergartens edle häuser mit penthouse- und loft-atmosphäre. der kenner konnte ahnen, was dies bedeutete. menschen mit viel geld platzierten sie in die nähe eines großen biergartens, da sie den ausblick von der anhöhe über die stadt schätzen.

vor ein paar tagen dann die erwartbare konsequenz: um 22.00 uhr wurden auf die bierbänke und tische an denen hunderte saßen kleine schildchen gestellt, auf denen stand, dass man sich nach 22.00 uhr bitte ruhig verhalten möge. es ist logisch, dass das nicht funktionieren kann. das ruhebedürfnis von vierzig oder fünfzig menschen wird über das soziale leben von hunderten gestellt, da man neben einen biergarten edelwohnungen stellen musste. über kurz oder lang wird der treffpunkt reglementiert und eingeschränkt werden. die „aufwertung“ führt zu „verdrängung“.

das wäre auch nicht so das problem, wenn es nicht weit entfernt, alternativen gäbe. doch dem ist nicht so. berlin ist ein schönes beispiel dafür, wie sukzessive eine innenstadt, eine mitte zu einem sterilen, langweiligen und muffigen ort wird. der potsdamer platz hat einen vorgeschmack gegeben. denn auf“wert“ung bedeutet geld. nur leider bedeutet geld heute einförmigkeit, langeweile und tristesse auf hohem niveau. ausgedrückt wird sich über wohnlage, design und autos. aber eben nicht mehr über lebenäußerungen, soziales miteinander und kreativität. es entstehen austauschbare zentren der sterilität und bewachungen.

wie schon geschrieben, das hat es schon immer gegeben. aber es offenbart sich inzwischen krasser, die kontraste werden immer größer, die finanzielle schere klafft weiter auseinander. inzwischen kann jeder die gesellschaftliche ungerechtigkeit sehen. und das macht menschen zweifelnd, lässt machtverhältnisse in frage stellen. unzufrieden sind alle, sowohl die an den rand gedrängten der gesellschaft, als auch die housekeeping-verwahrten in den zentren. seltsam, dass dies kaum jemand ändern möchte, sondern alle auf eskalationen warten.

biografisches schreiben und fliegen

fliegen wird gern als menschheitstraum beschrieben. auch diese fähigkeit, wie das schwimmen, haben wir der tierwelt abgeschaut. dabei haben kluge köpfe versucht, technische geräte zu entwickeln, die uns in die luft und ins wasser bringen und befähigen, uns dort fortzubewegen. inzwischen sind dies sehr ausgereifte geräte, die uns sogar zum mond fliegen lassen. doch was bedeutet das für uns selber? schätzen wir diese maschinellen fortbewegungen oder erscheinen sie uns eher unsicher und anmaßend.

beim betrachten der lebensgeschichte: welche erfahrungen haben wir mit dem fliegen gemacht? wenn man zum beispiel aus beruflichen gründen viel fliegen musste, dann schätzt man es eventuell, in der freizeit auf dem boden zu bleiben. manch eine(r) kann anhand seiner reisedokumente und ausweise nachvollziehen, wo man schon gewesen ist. und für manche ist das fliegen mit der sehnsucht nach fremden orten verbunden. listen sie doch einmal auf, was sie mit dem fliegen verbinden. schauen sie, welche rolle diese menschliche fähigkeit in ihrem leben gespielt hat. und notieren sie ihre gedanken dazu.

aber sie können das fliegen beim biografischen schreiben auch noch ganz anders verwenden: erstellen sie eine flugbahn ihres lebens. es kann sich an den abbildungen der flugbahnen von zugvögeln orientieren: dabei notieren sie die orte, die sie im laufe ihres lebens aufgesucht haben. sie zeichnen die zwischenlandungen und die ziele ein. oder sie orientieren sich beim erstellen der flugbahn vor allen dingen an der flughöhe. sie definieren für sich, was eine große höhe bedeutet und was es heisst, auf dem boden zu landen oder abzustürzen. zeichnen sie ihr leben mit ihren flughöhen auf. notieren sie bei den verschiedenen höhenmetern, welches ereignis Weiterlesen

selbstbefragung (164) – fliegen

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um das „fliegen“.

  • welches war ihr schönste flugreise?
  • würden sie gern fliegen können? warum?
  • worauf fliegen sie zur zeit?
  • worauf sind sie im laufe ihres lebens am meisten geflogen? beschreiben sie.
  • wohin möchten sie unbedingt noch fliegen?
  • auf wen fliegen sie? warum?
  • der angenehmste flughafen, den sie kennen?
  • was halten sie von der debatte über fluglärm?
  • über welcher region der welt würden sie gern einen rundflug machen?
  • wie sieht das paradies aus, in dem sie landen möchten? beschreiben sie.

die letzten 150 selbstbefragungen sind als links hier gebündelt: https://schreibschrift.wordpress.com/2012/01/05/1500-fragen-zur-selbstbefragung-aus-diesem-blog/

schreibidee (362)

an einem feiertag wie heute darf es auch einmal ein wenig mehr sein. die meisten schreibideen widmen sich anregungen aus dem alltag, greifen emotionen auf oder kombinieren schreibtechniken mit gegenständen. doch heute soll es um weltliteratur gehen. eine ebenso schlichte wie niveauvolle idee. eine schreibanregung, die nicht weniger will als „literatur vollenden“.

man nehme eine schreibgruppe, dann ein buch der bekannteren art und davon den ersten abschnitt (also etwas mehr als den ersten satz). nun verteile man an alle teilnehmerInnen eine kopie des ersten abschnitts und fordere sie auf, weiterzuschreiben. dabei ist darauf zu achten, dass möglichst nicht viele verschiedene personen in dem abschnitt eingeführt werden. es dürfen von den teilnehmerInnen gern jeweils drei seitengeschrieben werden. anschließend werden die texte vorgetragen, es gibt eine kleine feedbackrunde, in der zum abschluss geraten wird, von welchem autor der erste abschnitt sein könnte. und die schreibgruppenleitung trägt die ersten seiten des buches vor.

im anschluss wird eine schreibanregung durchgeführt, bei der erst einmal gelesen werden muss. die schreibgruppenleitung verteilt eine kurzgeschichte von einem weltberühmten autor, einer berühmten autorin. die letzten drei seiten der geschichte fehlen. nun soll die geschichte von den teilnehmerInnen vollendet werden. auch hier dürfen wieder ungefähr drei seiten geschrieben werden. und auch hier wird im vorfeld nicht verraten von wem die geschichte ist. anschließend werden die abschlüsse der story vorgetragen, es gibt diesmal keine feedbackrunde und es kann geraten werden, wer das werk verfasst hat. die gruppenleitung trägt den schluss der autorin, des autors vor.

ähnliche übungen kann man mit lyrik und aphorismen machen. man sollte als gruppenleitung darauf achten, dass die werke nicht zu bekannt sind, da es sonst den teilnehmerInnen schwer fallen könnte, den text zu ergänzen.

sollte zum abschluss noch zeit vorhanden sein, dann kann auch noch die übung „schreiben wie …“ durchgeführt werden. dazu wird ein kurzer romananfang oder eine kurzgeschichte an alle teilnehmerInnen verteilt und es wird von allen versucht, einen im ausdruck ähnlichen text zu verfassen.