Tagesarchiv: 14. Mai 2012

wie man den spass am schreiben abgewöhnt (06)

holde hörbücher

die digitalisierung der welt macht es möglich, bücher und ganze literarische werke auf relativ wenig speicherplatz akustisch festzuhalten. nicht die digitale speicherung der schriftzeichen, sondern die speicherung der laute des vorgelesenen soll uns literatur näher bringen. da das lesen meist von schauspielerInnen oder den autorInnen selber vorgenommen wird, unterwerfen wir uns beim hören von hörbüchern dem rhythmus und der betonung der anderen.

so praktisch das hörbuch sein mag (kann man doch während einer autofahrt oder im öffentlichen nahverkehr ungestört literatur konsumieren), es unterscheidet sich im eindruck stark vom eigenen leseprozess. daraus ergibt sich ein vor- und ein nachteil: sollten wir uns dem schreiben widmen, bekommen wir eventuell ein gespür für einen angenehmen sprachrhythmus, da wir ihn im hörbuch öfter gehört haben. auf der anderen seite wird uns das lesen, die wahrnehmung von schrift und buchstaben immer fremder.

wenn wir sätze und geschichten nur noch hören, dann verwandelt sich die rolle von geschriebenem in einen konsumartikel. der leseprozess geht aber einen schritt weiter – wir bestimmen die geschwindigkeit, in der wir lesen. wir bestimmen die verarbeitung des gelesenen viel direkter während des leseprozesses. natürlich können wir auch ein hörbuch zwischendurch abschalten und uns gedanken über das gehörte machen, aber beim lesen, halten wir kurz inne, überlegen etwas und machen dann weiter.

das hörbuch kommt dem fernsehen nahe, es verwandelt uns in einen literaturkonsumenten, der seine passivität im gegensatz zum lesen erhöht. lesen, so seltsam es scheinen mag, ist ein aktiver prozess und geht mit vielen anderen verhaltensweisen einher. dies hat garantiert auswirkungen auf die lust am schreiben. sich aus einer passiven beschäftigung zu lösen und zu einer aktiven überzugehen fällt uns schwerer, als aus einem aktiven prozess in einen anderen aktiven prozess zu switchen.

schaut man es sich genau an, kann man beim lesen zum beispiel notizen an den rand des buches machen, eigene gedanken und ideen parallel notieren. haben sie schon einmal jemandem mit einem hörbuch gesehen, der ähnliches macht? in einem buch markiere oder unterstreiche ich nur, bei einem hörbuch ist das nicht möglich. doch der prozess des notierens und unterstreichens kann eine effektive vorstufe des eigentlichen schreibens sein. wenige menschen diktieren ihre texte in den computer – obwohl dies auch eine schreibmöglichkeit ist. aber hörbuch hören und gleichzeitig notizen diktieren ist technisch nicht so leicht umsetzbar.

ich glaube nicht, dass hörbücher automatisch die lust am schreiben nehmen. ich glaube aber, dass die verlagerung auf die passive seite, den einstieg in die aktive seite des schreibens erschweren. vielleicht sollte man sich seine bücher selber laut vorlesen und dies aufnehmen, um sie auf einem noch ganz anderen weg wahrzunehmen.

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biografisches schreiben und stärke

das leben ist für den menschen eine anstrengung. dadurch, dass wir wahrnehmen können, dass wir zu selbstreflexionen und zum nachdenken fähig sind, und vor allen dingen, dadurch dass wir nach dem wahnehmen und dem denken zu handlungen übergehen können, tragen wir, in unseren augen, verantwortung für unser leben. auch die menschen um uns herum geben uns beständig zu verstehen, dass wir verantwortung für unsere lebenssituation tragen.

das kann befreiend sein, da nur wir für unser leben verantwortlich sind und somit auch das recht haben, allein die entscheidungen für uns zu treffen. auf der anderen seite sind wir in ein soziales umfeld eingebunden, auf das wir teilweise angewiesen sind und das ebenso forderungen an uns stellen kann. wir tun uns keinen gefallen, wenn wir versuchen, uns dem umfeld vollständig zu entziehen. denn es fehlen uns dann rückmeldungen zu unseren verhaltensweisen und somit eventuell korrigierende momente.

ganz gleich, welche haltung wir zu unserer „selbstverantwortung“ einnehmen, honoriert werden gern so genannte „zeichen der stärke“ in unserem verhalten. doch was ist das? mit „stärke“ wird bei uns oft ein „männliches“ prinzip bezeichnet: sich durchsetzen, seinen weg gehen, den lonesome cowboy geben, möglichst wenige emotionen zeigen, nicht auf andere eingehen … inzwischen sind diese verhaltensweisen nicht mehr mit geschlechterrollen koppelbar, sondern nur lebensprinzipien, nach denen man seinen alltag ausgestalten kann.

beim biografischen schreiben kann man seine eigene definition von „stärke“ formulieren. was bedeutet es für uns, stark zu sein? und in welchen momenten unseres lebens hatten wir das gefühl, Weiterlesen