mein computer und ich – eine umgangslehre (20)

geschwindigkeit

ja, manches läuft schneller ab mit dem computer. das macht ihn auch so attraktiv, dass man nicht mehr texte mit der schere und dem klebestift überarbeiten muss, dass man nicht mehr das fünfte mal eine matritze betippen muss, damit man fehlerfreie abzüge machen kann, dass man nicht stundenlang im fotolabor stehen muss, um ein bild zu bearbeiten.

und ja, die kommunikation über den computer und das internet verläuft oft beinahe in echtzeit. doch jede/r kennt die situation, dass mails doch nicht so schnell ankommen, wie die anbieter suggerieren oder die übertragungsrate bei skype das gesprochene sehr zerhackt. eigentlich ist das netz heute schon regelmäßig überfordert, gestört und in manchen regionen überhaupt noch nicht nutzbar. dass vieles so rund läuft, hat nur damit zu tun, dass das web 2.0 die eigentlichen datenübertragungen reduziert hat, dass die komprimierung von dateien ständig voranschreitet und deren größe bei beinahe gleicher qualität geringer ist.

der wichtigste aspekt bei der frage nach der geschwindigkeit der computer ist meiner ansicht nach der autosuggestive oder suggerierte moment. viele menschen stöhnen darüber, dass sich ihr leben beschleunigt und nennen im gleichen atemzug den technischen fortschritt. als lösung sehen sie die distanzierung von der digitalen welt an. und sie wundern sich, dass ihr leben danach auch nicht langsamer wird. also stürzen sie sich auf tipps zum zeitmanagement, zum selbstcoaching und zu mehr gelassenheit, aber irgendwie will das alles nicht so richtig klappen.

der computer ist eigentlich nur ein werkzeug. ein werkzeug, das manche arbeitsschritte vereinfacht und schneller erledigt. die eigentliche geschwindigkeit des alltags entsteht aber aus der form der nutzung des werkzeugs und die krux daran ist ein ganz anderer aspekt. angefangen hat es mit der produktionsform „just-in-time“. es wird alles vorrätig gehalten, um einen differenzierten produktionsprozess jederzeit durchführen zu können, wenn die nachfrage signalisiert wird. das heisst zum beispiel: heute ein buch bestellt und morgen wird es an der haustür ausgeliefert. diese form der logistik und vorratshaltung hat sich inzwischen längst in alle arbeitsbereiche übertragen und im privatleben verankert.

zu „just-in-time“ gehört die verfügbarkeit rund um die uhr. diese verfügbarkeit ist erst mit den modernen kommunikationsmitteln möglich geworden, mit dem computer (und dem handy, das inzwischen ein kleiner computer ist). der computer wird also während der wachphasen in unserem leben am körper getragen, um jederzeit auf anliegen, fragen und aufträge (auch im privaten) reagieren zu können. wer dem nicht folgt, der hat schlechte karten in der arbeitswelt. ähnlich sieht es in manchen privaten zusammenhängen aus. die unglaubliche vielfalt, die uns der computer mit hilfe des internets in das private trägt, zwingt uns, in der gleichen zeit, immer mehr entscheidungen zu treffen. es wird suggeriert, wir könnten etwas verpassen, wenn wir nicht an dem datenfluss teilhaben.

wir können auch etwas verpassen, ganz klar. doch wir können uns dem druck teilweise entziehen, wenn wir wieder mut zur lücke lernen. in schul- und studienzeiten, taten sich die meisten menschen nicht so schwer damit. aber heute verstärkt die technik unser schlechtes gewissen, nicht gleich reagiert zu haben, nicht gleich verfügbar zu sein. und um es noch auf den eigentlichen punkt zu bringen: vor allen dingen suggerieren wir uns gegenseitig, dass die verfügbarkeit so wichtig ist – unterstützt von der arbeitswelt. sich dem zu entziehen kostet kraft, senkt aber die geschwindigkeit unseres lebens.

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3 Antworten zu “mein computer und ich – eine umgangslehre (20)

  1. Mir gefällt wie du schreibst :]
    Lust bei einem Gemeinschaftsprojekt mit zu machen?
    Link dazu:
    http://ferdisblog.com/2012/05/20/gemeinschaftsprojekt-5-fragen-5-antworten/
    Würde mich freuen :]

    • christof zirkel

      vielen dank für die einladung und die netten worte. aber leider sprengen teilnahmen an den zugeworfenen stöckchen-kontakten mein zeitbudget 😦 doch vielleicht haben leserInnen dieses blogs interesse an den interessanten fragen, darum hier der link und die infos 🙂

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