schreibidee (369)

das wort kommt ein wenig altbacken daher. gern wurde es im sexuellen kontext verwendet, doch schon bald erweiterte sich der begriff auf alle lebensbereiche – die „unschuld“. verbunden wird damit eine gewisse naivität, unbedarftheit und unerfahrenheit. dahinter steckt der gedanke, dass man ab einem gewissen alter ernüchtert auf die welt blickt. man kann darüber streiten, ob erwachsen sein mit enttäuschung einhergehen muss – eine recht asketische vorstellung. darum eine schreibanregung für „verlust-der-unschuld-geschichten“.

dies soll keine biografische schreibanregung sein, also werden beim einstieg in das thema auch keine persönlichen bezüge relevant. die schreibgruppenteilnehmerInnen notieren in kurzen stichworte, wobei man seine unschuld verlieren kann. was schleudert einen plötzlich in einen erweiterten bezug zur welt? die stichworte werden in der gruppe zusammengetragen und alle teilnehmerInnen wählen sich ein beispiel aus. darüber verfassen sie eine kleine geschichte (maximal zwei seiten lang), die anschließend vorgelesen wird. es findet keine feedbackrunde statt.

im nächsten schritt, geht es um die entzauberung der kindheit. denn in bezug auf das naive, unschuldige, wird gern die kindheit als ehemaliges paradies dargestellt. doch genauer betrachtet ist man als kind regeln und gegebenheiten ausgeliefert, die von den erwachsenen bestimmt werden. die unschuld zu verlieren bedeutet auch, mehr mitsprache über das eigene leben zu erhalten. alle schreibgruppenteilnehmerInnen werden eingeladen, einen kurzen text über die unangenehmen seiten des kindseins zu schreiben. die texte werden vorgetragen. es findet keine feedbackrunde statt, aber vielleicht eine kurze diskussion über die idealisierung von unschuld.

nun wird eine längere geschichte über jemanden geschrieben, der sich „schuldig“ gemacht hat. dies ist nicht im juristischen oder kriminellen sinn gemeint, sondern im alltäglichen. es gibt keine weitere vorgabe als die annahme, dass in der geschichte jemand seine „unschuld verliert“. ob sich etwas zum positiven oder negativen entwickelt, bleibt den schreibenden überlassen. anschließend werden die geschichten vorgelesen und es findet einen ausführliche feedbackrunde statt. dabei kann man den fokus darauf richten, wie schuld in der jeweiligen geschichte dargestellt wurde.

zum abschluss werden von allen teilnehmerInnen kurze emanzipatorische aufrufe verfasst: zehn punkte, wovon man sich nach seiner kindheit befreien sollte. also zehn punkte die einen weiteren verlust der unschuld bedeuten. die aufrufe werden in der gruppe vorgetragen (und im realen leben umgesetzt 😉 ).

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