schreibpädagogik und verlust

dieses mal ein sehr ernster beitrag zur anleitung von schreibgruppen. vor allen dingen im biografischen schreiben sollte man meines erachtens sehr vorsichtig vorgehen, wenn man schreibübungen zum thema verlust oder tod anleitet. es ist nicht sinnvoll das thema auszusparen, nur um die eventuellen folgen zu umgehen. verlust und tod beeinflussen unser leben sehr. jeder mensch hat seine eigenen strategien damit umzugehen. und doch scheint es, wie wenn vor allen dingen das thema tod mit einem tabu versehen ist. das ist um so erstaunlicher, dass man ab einem höheren alter immer wieder damit konfrontiert wird (und manchmal auch schon viel früher).

schreibt man in schreibgruppen also über verluste, vor allen dingen über persönliche verluste, kann es leicht vorkommen, dass menschen nicht nur darüber schreiben, wie sie durch eine trennung einen partner verloren haben, sondern dass sie darüber schreiben, wie ein mensch in ihrem umfeld gestorben ist. das schreiben darüber kann noch einmal sehr aufwühlend erlebt werden. und dies wiederum kann zu emotionalen reaktionen führen, wenn texte vorgetragen oder besprochen werden. dies sollte eine gruppe aushalten können. doch damit darf man als schreibgruppenleitung nicht rechnen.

viele menschen halten es schwer aus, andere weinen zu sehen. in gruppen kann dies zu hilflosen unterstützungsversuchen und tröstungen führen. in diesem moment sollte eine schreibgruppenleitung einschreiten. denn wenn teilnehmerInnen für sich entscheiden, einen sie selbst sehr berührenden text vorzutragen, dann entscheiden sie sich auch dafür, eventuell beim lesen in tränen auszubrechen. doch auch diese form der trauer ist bei uns eher ein tabu. man muss den menschen nicht sofort beiseite springen und trösten. man kann ruhig nachfragen, ob sie sich irgendwelche unterstützung wünschen. und wenn sie nur einen kurzen moment benötigen, um dann weiterlesen zu können, dann muss nicht mehr getan werden.

am wichtigsten scheint mir, weinen als natürlichen gefühlsausdruck anzunehmen, als gruppenleitung also kein aufhebens darum machen. am besten lässt sich dies bewerkstelligen, wenn man schon im vorfeld, von beginn an, in der schreibgruppe signalisiert, sollte es jemandem schlecht gehen, kann er sich jederzeit vertrauensvoll an die gruppenleitung wenden. es wird schnell kontraproduktiv, wenn gefühlsausbrüche in einer gruppe verhandelt werden, die keine therapeutische gruppe ist. die hilflosigkeit der anderen kann schnell verletzen. darum halte ich es für beinahe unabdingbar, dass jemand, der schreibgruppen zum biografischen schreiben anbietet, sich selber schon einmal intensiv mit tod, verlust und trauer auseinandergesetzt hat.

und man sollte als schreibgruppenleitung eine vorstellung davon haben, wohin man jemanden schnell verweisen kann, wenn die emotionen nicht mehr zu bewältigen sind. man sollte also adressen von anlaufstellen haben, die man weitergeben kann. auch dies gehört meiner ansicht nach zu einer schreibgruppenanleitung.

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