biografisches schreiben und zufall

man mag es zufall oder schicksal nennen (obwohl schicksal meist mit negativen erlebnissen in verbindung gebracht wird), unser leben verläuft meist nicht ganz so kontrolliert, wie wir das gern annehmen. bewusst wird uns dies in sehr außergewöhnlichen oder gar dramatischen momenten. wenn man zum beispiel einer katastrophe entgangen ist, weil man in einen anderen zug, ein anderes flugzeug oder dergleichen mehr gestiegen ist. manch einer mag da zwar ausrufen „ein zeichen, ein zeichen!“, doch auch die zeichen sind von uns nicht beeinflussbar.

spannend wird die diskussion über die zufälle in unserem leben durch manche behauptungen aus der genetik, der hirnforschung und der zwillingsforschung. hier wird in vielen zusammenhängen der „freie wille“ in frage gestellt. doch die diskussion scheint müßig, da viele erkenntnisse zwar darauf hinweisen, dass mehr unbewusstes unsere entscheidungen beeinflusst als bisher angenommen, aber es nicht die fähigkeit, entscheidungen aufgrund der uns zur verfügung stehenden informationen in frage stellt.

so wandeln wir zwischen selbstüberschätzung und ohmacht durch unsere alltag. im biografischen schreiben können wir zumindest einen blick darauf werfen, welche ereignisse unseres lebens uns zufällig schienen und wie weit sie unsere zukunft beeinflusst haben. sicherlich erinnert man sich nur an die „großen“ zufälle, die wirklich eine bedeutung hatten. aber dies sind auch oft die momente, die unser leben spannend machen. wie weit waren wir bereit, entwicklungen in unserer lebensgeschichte dem zufall zu überlassen? wo haben wir uns besonders angestrengt, die richtung unserer entwicklung zu steuern, und wie fruchtbar oder unfruchtbar war dies? haben unsere erfahrungen mit zufall und kontrolle zu einem anderen lebenskonzept geführt?

da gibt es zum beispiel die „carpe-diem“-haltung, die von manchen menschen nach erschütternden ereignissen oder extremen krankheitsdiagnosen eingenommen wird. da gibt es die älteren menschen, die entweder gelassener oder ungeduldiger werden. es gibt zweifel, schicksalsergebenheit oder dankbarkeit nach dem zufall. wie sah es bei ihnen aus? wie viel energie auf die kontrolle ihres lebens haben sie verwendet? beim schreiben über den zufall im leben landet man schnell bei grundsätzlichen fragen des lebens – und um es einmal auf den punkt zu bringen – früher oder später stellt sich jeder mensch die frage nach dem sinn des lebens. wie fällt dabei die eigene antwort aus?

man kann beim biografischen schreiben den zufall als startpunkt für viele fragestellungen verwenden. fragen zur angst, zu kontrolle, zur haltung, zur politik, zur gesellschaft, zum glück, zur strategie oder zum genuss können sich problemlos daran anschließen. vielleicht landet man dann auch beim philosophischen schreiben, bei der chaostheorie (die wiederum einen ordnung im zufall ausmacht), bei den entropiegesetzen oder in den esoterischen weiten. alles denkbar, schreibbar und die größte kompetenz des menschen: darüber nachdenken zu können – ganz zufällig 😉

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