biografisches schreiben und klischee

eines der schwierigsten unterfangen ist es, sich selber einmal nach vorurteilen abzuklopfen. sie sind vermittelt, sie sind gelernt und sie haben eine funktion: menschen schneller bei der ersten kurzen begegnung einordnen zu können. als wir noch nicht kommunizieren konnten war dies überlebenswichtig: freund oder (fress)feind. doch heutzutage können wir uns in den meisten momenten kundig machen und das freund-feind-schema ist sowieso stark beeinflusst von moden, gesellschaften und politik. also verwenden wir klischees eigentlich nur, um uns die welt ein wenig einfacher zu machen.

der mensch ist so komplex und jeder mensch ist ein individuum mit ganz subjektiven ansichten und verhaltensweisen. um die welt übersichtlicher zu gestalten, sind die „…“ so und so. manchmal kann es sich bei einer solchen form der verallgemeinerung, tatsächlich um den kleinsten gemeinsamen nenner einer gruppe handeln. doch es braucht eigentlich nur einen menschen dieser gruppe, der aus dem schema herausfällt und unsere verallgemeinerung ist auch schon hinfällig. aber den schritt machen wir beim klischee nicht mehr. wir beharren auf unseren aussagen, um die anstrengung der begegnung mit fremden menschen, zu reduzieren. das klischee ist also ein ausdruck von bequemlichkeit.

wann waren wir in unserem leben also zu bequem, um uns mit den menschen, die uns begegnen, auseinanderzusetzen? wen haben wir damit verletzt? wann wurden wir mit klischees zu unserer eigenen person konfrontiert und wie haben wir darauf reagiert? was machten wir, als ein klischee uns gegenüber auch noch zutraf? haben wir uns in unserem leben die zeit genommen, andere menschen kennenzulernen? es gibt viele fragen für das biografische schreiben, die ein wenig unsere eigenen vorurteile oder die konfrontation mit vorurteilen gegenüber uns selber beleuchten können.

da wir aber gerade bei vorurteilen und klischees recht widerständig sind, sie aufzuheben und zu relativieren, könnten man, wenn man über seine eigene lebensgeschichte schreibt, andere menschen, die einem nahestehen, befragen, was sie glauben, welche klischees man mit sich herumgetragen hat. und man kann sich selber in der folge fragen, welchen nutzen man davon hatte, dass man an klischees festhielt. klischees kommen oft erst einmal recht amüsant daher, sind teil unseres humors, der witze oder satiren. klischees können aber schnell kippen und zu handfesten diskriminierungen führen und bieten sich regelrecht an, um anderen menschen die menschlichkeit zu nehmen.

haben wir situationen erlebt, in denen menschen stark abgewertet wurden, um anderen einen vorteil zu verschaffen? haben wir uns mit hilfe von klischees selber einen vorteil verschafft? wann nutzten wir klischees, um uns auf kosten anderer lustig zu machen? und vielleicht als wichtigste frage für jedes biografische schreiben: warum ist das zusammenleben der menschen manchmal so schwierig? können wir da auf überlegungen und erfahrungen zurückgreifen, die entweder leserInnen unserer texte aufklären können oder uns selbst vergewisserung verschaffen können? das klischee ist wahrscheinlich eines der besten beispiele dafür, wie biografisches schreiben auch zu einer selbstkritischen betrachtung werden kann – eine große chance.

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