wissenschaftliches schreiben und klischee

generationen von wissenschaftlerInnen, studentInnen und doktorandInnen tragen das klischee weiter, dass wissenschaftliches schreiben vor allen dingen eines sei: anstrengend! schaut man genau hin, dann löst sich auch dieses klischee auf, wie es andere klischees auch tun, wenn man sie genauer betrachtet. es ist nicht das wissenschaftliche schreiben, das anstrengend ist, es ist der kontext, der es so anstrengend macht. das eigentliche schreiben könnte als leicht im gegensatz zu literarischer arbeit gesehen werden, da viele stilistische und strukturelle vorgaben herrschen, die einem den weg des wissenschaftlichen schreibens vorzeichnen.

anstrengend macht das wissenschaftliche schreiben zum beispiel die aussage, dass wissenschaftliches schreiben anstrengend sei. geht jemand unbedarft daran, einen wissenschaftlichen text zu verfassen, dann melden sich schnell mahnende stimmen – seltener von außen, häufiger von innen. da ist der gedanke an die bewertung – es muss eine gute abschlussnote werden, die zukünftige existenz ist davon abhängig. es muss eine so saubere argumentation sein, damit möglichst kein widerspruch von außen aufkommen kann. es muss der hierarchische weg des wissenschaftslebens eingehalten werden – vorgesetzte sollten zitiert und in die betrachtungen einbezogen werden. es muss der richtige zeilenabstand, die richtige zitierweise, das korrekte forschungssetting mit angemessener auswertung, die zurückstellung von eigenen kommentaren und vorstellungen sein. und heute muss es vor allen dingen das korrekte einhalten der bearbeitungszeit und der geforderten seitenzahl sein.

dies alles sind aspekte, die das wissenschaftliche schreiben in ein korsett zwängen, das mit dem forschenden geist nicht mehr viel zu tun hat. es ist schule geworden, bis in die obersten etagen der wissenschaftswelt. die erkundung, die neugierde und die diskursfreude sind in den hintergrund gedrängt worden. betrachtet man, welche wissenschaftlichen texte auch nach jahrzehnten oder jahrhunderten nicht an bedeutung verloren haben, dann sind es die frei formulierten, die gedankensammlungen, die reden und die gedankenspiele. ob es sich nun um lichtenberg, freud, darwin, lorenz oder einstein handelte, ihre texte gehen über die heutige auffassung einer wissenschaftlichen arbeit hinaus.

es erstaunt mich immer wieder, dass viele wissenschaftlerInnen zwar der meinung sind, die heutige wissenschaftliche veröffentlichungsmethode sei lästig, hinderlich und ANSTRENGEND, aber niemand wirklich bereit ist, daran etwas zu ändern. da wird immer von den freiheiten der großen denkerInnen geschwärmt und die für ihre zeit unkonventionellen gedanken werden gefeiert, doch gleichzeitig wird das freie denken behindert, beschnitten und punkte- und notenskalen gepresst. das wissenschaftliche schreiben ist nicht anstrengend, es ist ein gedankliches vortasten an eine fragestellung, ein lebhafter innerer diskurs, eine entdeckungsreise der gedanken. anstrengend sind die bedingungen unter denen wissenschaftlich veröffentlicht werden darf.

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