Tagesarchiv: 13. August 2012

wie man den spass am schreiben abgewöhnt (15)

leider lang

man kann es vorauseilenden gehorsam nennen: die an vielen orten vermittelte aversion gegen lange texte. da soll sich kurz und knapp gehalten werden. da sollen texte verdichtet, exzerpiert und reduziert werden. und da sollen nur die prägnanten texte und geschichten gelesen werden. schnell steht in der text- und aufsatzkorrektur, dass etwas zu lange und ausufernd beschrieben wurde. schnell wird im vorfeld einer wissenschaftlichen abschlussarbeit vor allen dingen auf die exakte länge (oder kürze) durch eine vorgegebene seitenzahl einfluss genommen.

korrigierende sind oft nicht bereit, in ihren augen zu lang geratene texte oder geschichten überhaupt zu lesen, geschweige denn zu bewerten. doch damit reden sie der steten verkürzung des schriftlichen ausdrucks das wort. es werden keine epen mehr gelesen, es werden keine oden mehr betrachtet, es wird in allen lebens- und lernbereichen der trend zum kurztext beschritten.

das absurde daran ist, dass im nächsten schritt beklagt wird, dass die aufmerksamkeitsspanne von jugendlichen, aber auch von älteren menschen, zurückgehen würde. und dies ausschließlich an der intensiven nutzung des internets und überhaupt der neuen kommunikationsmittel liege. das stimmt aber so nicht. in allen lebensbereichen wird darauf gedrungen, dass geschriebenes keine zeit kosten dürfe. versuchen sie einmal, einen argumentativ stichhaltigen antrag zu stellen, in dem alles erklärt wird. ganz schnell wird man ihnen zu verstehen geben, dass dies sowieso niemand lese (ähnlich sieht es mit berichten und protokollen aus).

darum wird man überall aufgefordert, auf floskeln, standards oder vorgaben zurückzugreifen. jede geschriebene seite zu viel, die zwar manches erklären könnte, wird dem papier negativ angelastet.

der effekt? ein mensch, der gern dem schreiben auch gehalt gibt, sieht sich ins abseits gedrängt, da niemand mehr bereit ist, sein geschriebenes zu lesen. dies meinte ich mit vorauseilendem gehorsam. denn diese entwicklung ging dem digitalen schreiben voraus. neben fantasyromanen darf eigentlich nichts mehr „lang“ sein. obwohl es gerade den gegenteiligen trend gibt: immer dickere bücher werden veröffentlicht.

doch vorher muss jemand den mut aufbringen, sich durch die abwertung seiner schriftlichen arbeiten, da sie zu lang sind, zu kämpfen und dies auszuhalten. das schaffen die wenigsten. die meisten „lang“schreiberInnen geben vorher auf und werden von den „kurz“leserInnen regelmäßig drangsaliert. nur noch in kleinen nischen des internets wird der lange, ausführliche text geschätzt. auf keinen fall aber an den orten, die über die zukunft der menschen bestimmen. reduzierte aufmerksamkeitsspannen sind nur ein nebeneffekt der entwicklung. ein anderer nebeneffekt ist es, dass viele menschen den spass am schreiben verlieren.

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schreibidee (389)

ob nun horror-, kriminal- oder fantasy-geschichten, es gibt ein technisches mittel in diesen geschichten, das immer funktioniert: die tür oder der vorhang. dabei geht es darum, dass jemand entweder nur ein blick in einen neuen raum wirft oder sogar den raum betritt. in der vorbereitung wird die spannung, was sich in den raum befindet, aufgebaut. am effektivsten ist dieses mittel, wenn unerwartetes auftaucht. darum eine kleine schreibanregung zu „hinter-dem-vorhang- und hinter-der-tür-geschichten“.

die schreibanregung kann man von zwei seiten angehen: entweder weiß man, was hinter dem vorhang oder hinter der tür ist und beschreibt den weg, bis das geheimnis gelüftet ist. oder man weiß, mit welcher vorgeschichte sich jemand auf die tür und den vorhang zubewegt, aber es steht nicht fest, was dahinter gefunden wird. als einstieg in der schreibgruppe kann man an einem flipchart sammeln, was hinter der einer verschlossenen tür, einem vorhang sein könnte. aus der sammlung einigt sich die ganze schreibgruppe auf eine sache, einen gegenstand. nun wird eine geschichte drumherum gewoben. wer macht sich auf den weg? warum stehen die protagonistInnen plötzlich vor der tür oder dem vorhang? und wie reagieren sie, wenn sie das von der gruppe vorgegebene entdecken. die drumherum geschriebenen geschichten werden anschließen in der schreibgruppe vorgetragen, es finde keine feedbackrunde statt.

im zweiten schritt, werden von der schreibgruppenleitung kleine texte, die den weg bis vor den vorhang oder vor die tür beschreiben, ausgeteilt. nun ist es an den teilnehmerInnen, die tür öffnen zu lassen und die eigene fantasie spielen zu lassen, was passiert, entdeckt wird oder überrascht. der kleine text soll also weitergeschrieben werden. einzige vorgabe, auf irgendeine weise sollte der vorhang zurückgezogen oder die tür geöffnet werden. auch diese texte werden in der schreibgruppe vorgetragen. es findet keine feedbackrunde statt.

im letzten schritt wird eine längere geschichte geschrieben. einzige vorgabe ist eine fotografie. die schreibgruppenleitung teilt entweder nur ein bild oder für alle teilnehmerInnen jeweils ein bild einer tür oder eines zugezogenen vorhangs aus. diese sollen in eine geschichte eingebunden sein. in einer geschichte, die sich auf den vorhang oder die tür zubewegt, und in der das öffnen eine zentrale rolle spielt. anschließend werden die texte vorgetragen und es findet eine feedbackrunde statt. in der feedbackrunde wird vor allen dingen betrachtet, wie spannung aufgebaut wurde und wie das geschehen hinter tür und vorhang die geschichte verändern.

zum abschluss kann man noch eine kurze geschichte oder fortsetzung schreiben, in der tür oder vorhang wieder geschlossen werden.