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wortklauberei (87)

„un-gehalten“

eine seltsame wortkombination. fängt man bei „halt“, dann ist die etwas, das wir menschen gern suchen. ob nun im nahverkehr, auf eine wackeligen untergrund oder überhaupt im leben, wir freuen uns, wenn uns etwas halt gibt.

und wir halten dann daran fest, also an dem, das uns halt gibt. wir haben uns festgehalten. sollten wir dann doch einmal den boden unter den füßen verlieren, dann fallen wir entweder hin oder werden von jemand anderem gehalten. das fühlt sich gut an, von jemand anderem gehalten zu werden. es ist anders, als festgehalten zu werden. damit sind wir nicht immer einverstanden.

doch wenn wir nur gehalten werden, dann will uns jemand schützen, uns helfen und dann ist uns jemand nahe. doch was geschieht mit uns, wenn wir un-gehalten werden? ist dann niemand da, der uns zurückhält oder haben wir den halt vollständig verloren und werden darüber wütend? das führt zu einem verbalen ausbruch gegenüber allen um uns herum?

doch wären wir über bestimmte dinge nicht auch wütend, wenn uns jemand hält und uns rückendeckung gibt? nicht jeder mensch, der den halt verloren hat, wird un-gehalten und nicht jeder mensch der un-gehalten wird, hat den halt verloren. man kann noch in die richtung blicken, dass un-gehaltene aussagen keinen gehalt hätten, doch dies scheint weit hergeholt. wie sollte man sonst seinem ärger ausdruck verleihen, wenn nicht auf der basis von guten gründen? vielleicht haben momente, in denen man un-gehalten wird, gerade einen großen gehalt, so wie die un-tiefe eine anhöhe sein kann.

schreibidee (207)

lass es raus, lass es einfach raus. wenn das nur so einfach wäre. wir menschen haben gelernt, uns im sozialen umgang zusammenzureissen. je mehr unsere gesellschaft zu einer dienstleistungsgesellschaft mutiert, um so stärker wird uns ein zwangslächeln abverlangt. dabei gibt es in jedem leben genug situationen, in denen man aus der haut fahren könnte. gut, es ist sinnvoll, nicht alles auszuagieren. aber manchmal würde es einfach gut tun, für sich alles rauszuschreien. in dieser schreibanregung soll es zumindest schriftlich möglich sein. es werden „schrei-texte“ verfasst.

als einstieg werden die schreibgruppenteilnehmerInnen aufgefordert, ein alltagserlebnis aus der letzten zeit, das sie am liebsten aus der haut fahren ließ, in einen einseitigen text fließen zu lassen. die texte werden kurz in der runde vorgetragen. anschließend notieren alle teilnehmerInnen für sich, welche bewältigungsstrategien sie für sich verwenden, um ihre wut, ihre anspannung abzubauen oder in den griff zu bekommen. diese strategien bewerten sie dann als „positiv“ oder „negativ“.

um dem schreien näher zu kommen, notieren nun alle in einer liste zehn personen, die sie gern anschreien wollen. die teilnehmerInnen wählen dann aus, bei wem ihnen das schreien am wichtigsten erscheint. und nun wird ein text verfasst, der schon im geschriebenen das schreien ausdrückt. was möchten sie der ausgewählten person lautstark und unreglementiert an den kopf werfen. es wird ein schrei-text geschrieben. dabei darf es ruhig einmal ungerecht und unvernünftig zu gehen. es geht nicht um die berechtigung des protests oder um alternative lösungsmöglichkeiten.

wenn sich die teilnehmerInnen anschließend trauen und die passenden räumlichkeiten vorhanden sind, dann werden die texte der schreibgruppe schreiend vorgetragen. um die angemessene lautstärke zu schaffen, können im vorfeld stimm- und sprechübungen durchgeführt werden, die ein wenig lockern. mit möglichst großer stimmgewalt werden die texte der gruppe entgegen geschleudert. in der feedbackrunde sollte betrachtet werden, ob der text der lautstärke angemessen ist.

wenn noch zeit vorhanden ist, kann im anschluss ein beruhigungstext geschrieben werden, der die gefühle nach dem dampf ablassen beschreibt. wie zeigt sich die erleichterung? auch diese texte werden kurz in der schreibgruppe vorgetragen, um ein versöhnliches ende zu finden. solche schreibanregungen sollten nur in schreibgruppen umgesetzt werden, die schon recht vertraut miteinander sind, sonst könnte das schreien schnell als bedrohlich empfunden werden.

kreatives schreiben und ärger

 

es gibt tage, an denen dinge geschehen, die einem missfallen können. missfallen an sich ist kein sonderlich bedeutungsvolles kriterium. doch aus diesen ereignissen können sich im laufe der zeit wut und ärger bilden. besteht in diesem moment nicht die möglichkeit, den eigenen gefühlen ausdruck zu verleihen, staut sich was an.

dieser gefühlsstau kann einem den letzten nerv rauben, in dem die gedanken immer wieder darum kreisen. hier bietet das kreative schreiben wunderbare möglichkeiten. angefangen bei einfach rausschreiben mit hilfe des freewrtiting. hier kann ich gestautes in beschimpfungen münden lassen, die nie ein anderer mensch zu gesicht bekommt, hier kann in die vollen gegangen werden. ist der erste ärger verpufft, lässt sich kreativer mit den emotionen umgehen.

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