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schreibberatung und flucht

ich möchte hier nicht darüber schreiben, weshalb jemand die schreibberatung fluchtartig verlassen könnte, auch wenn mir manche gründe dazu einfallen. nein, es geht mir um die frage, welche rollen die kleinen oder großen fluchten bei schreibkrisen und schreibblockaden spielen. es geht um die momente, in denen einem so viel anderes einfällt, während man sich eigentlich an eine schreibaufgabe setzen sollte und diese abarbeiten müsste.

da werden fenster geputzt, es wird im internet gesurft, ganz dringend muss man lebensmittel kaufen, obwohl der kühlschrank voll ist, freunde werden angerufen, da man sich so lang nicht mehr gemeldet hatte, dann kommen ein paar einladungen, die man alle gern wahrnimmt, man muss auch die alten zeitungen mal aussortieren und noch vieles mehr. wenn man diese aufgaben nicht jetzt erledigen würde, dann würde man binnen kürzester zeit im chaos versinken. so jedenfalls ist gern die argumentation in der schreibberatung.

schlicht formuliert werden halbbewusst falsche prioritäten gesetzt und dadurch der druck zu lösung der schreibaufgabe ständig erhöht. die fluchten fühlen sich aber nicht gut an. im hinterkopf kreisen die gedanken, dass man eigentlich etwas anderes, wichtigeres machen müsste. und gleich fallen einem wieder 10 ausreden ein, warum nicht gerade jetzt. der gute rat von außen, macht es meist nicht besser. da wird aufgezeigt, dass es nun mal dinge im leben gibt, die man nicht so gern macht, aber wenn man sich nur ein bisschen zusammenreisst, dann klappt das schon. da werden horrorszenarien, die man meist schon selber im kopf hat, ausgemalt und druck erhöht sich beständig.

nebenher ist der mensch auch noch so geschickt, dass er sich mit anderen vergleicht und davon ausgeht, die schaffen das alle ganz leicht, nur man selber kriegt es wieder nicht auf die reihe. außerdem, was hat man schon schriftlich mitzuteilen. die eigenen schreibprodukte zeugen doch eher von schlechter qualität, das forschungsprojekt liefert keine brauchbaren ergebnisse, man hat einen fürchterliche schriftsprache und noch vieles mehr. bei solchen gedanken kann man ja nur die flucht ergreifen und hoffen, dass sich alles von selbst regelt.

der teufelskreis besteht darin, dass das prokrastinieren keinen spaß mehr macht. so lang es einem gut damit geht, spricht nichts gegen „aufschieberitis“. aber sobald man nur noch mit schlechtem gewissen und bauchgrimmen die flucht antritt, lohnt ein blick auf die eigenen denkmuster. die erste frage lautet: wie realistisch ist die eigene einschätzung? flüchtende schreiberInnen haben meist Weiterlesen

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schreibidee (307)

es gibt dinge, die möchte man nicht machen. sie machen angst oder keinen spaß und somit schiebt man sie auf die lange bank. doch im hintergrund nagt das gewissen, das einem sagt, jetzt aber mal ran an den kram. andere fragen dann schon mal nach, wann man endlich in die pötte kommt. hier braucht es eine gute ausrede. es gibt gute und es gibt schlechte ausreden. die besten ausreden kommen von der arzthelferin „linda“ in der fernseh-comedy „becker“. sie kommt jedesmal zu spät zum dienst, aber ihre ausreden sind vom feinsten. darum und damit das leben ein wenig entspannter wird eine schreibanregung zu „ausrede-texten

die schreibgruppenteilnehmerInnen erstellen zu beginn eine liste mit fünf situationen, in denen sie eine ausrede benötig(t)en. in wenige stichworten notieren sie den anlass und die schwierigkeiten, das schlechte gewissen zu dieser situation. anschließend notieren alle jeweils eine ausrede (maximal eine halbe seite) für ihr eigenes verhalten. die fünf punkte und die ausreden werden in der schreibgruppe vorgestellt.

nun werden noch einmal fünf ausreden notiert. ausreden, die bar jeder logik sind. so konnte man zum beispiel das haus nicht verlassen, da eine elchkuh vor der tür stand und den weg versperrte oder ufos einen entführt haben. die schreibgruppenteilnehmerInnen werden aufgefordert, keine absurdität auszulassen.

und nun wird in kleingruppen weitergearbeitet. man stellt sich gegenseitig seine fünf ausreden vor und die anderen in der kleingruppe wählen die beste ausrede aus. zu dieser ausrede gibt es ein ausführliches feedback, wie weit man sie noch ausbauen und ausschmücken könnte. dann setzen sich alle schreibgruppenteilnehmerInnen abermals hin und schreiben an der einen ausgewählten ausrede weiter. sie entwickeln eine geschichte / begründung von minimal einer seite.

man trifft sich abermals in der kleingruppe und es wird zu der ausgeschmückten ausrede noch einmal ein feedback gegeben. anschließend wird ein letztes mal an der ausrede gefeilt. und zum abschluss werden alle ausreden in der gesamten schreibgruppe vorgestellt. wenn interesse besteht könnte gemeinsam aus der schreibgruppe heraus ein ratgeber für die besten ausreden erstellt werden, der als pdf-datei aus dem internet heruntergeladen werden kann. wenn die schreibgruppe dies nicht machen möchte, sollte sie sich zumindest eine gute ausrede einfallen lassen, warum nicht 😉

schreibberatung und vorsätze

„ja, heute setze ich mich hin und schreibe endlich. die frist wird schon knapp. aber ich habe mir einen zeitplan erstellt. wenn ich jeden tag drei stunden an der arbeit schreibe, dann schaffe ich es gut bis zum abgabetermin. ist ja klar, dass jetzt das telefon klingelt. nein, ich geh nicht ran. aber es könnte doch der anruf sein, auf den ich schon so lang warte. na gut, aber nur kurz.

mist, jetzt hat das gespräch wieder so lang gedauert. war aber nett. es muss ja auch noch privates neben der arbeit geben. ich habe hunger. schnell was kochen und essen, dann schreibt es sich viel konzentrierter. ich kann mich beim kochen immer ganz gut entspannen. vielleicht kann ich mir noch ein paar gedanken zur abschlussarbeit machen. irgendwie fehlt der rote faden noch. kann ja mal zettel und stift in die küche legen.

na viel ist da an ideen nicht rüber gekommen. ich bin so satt und so müde. ein kurzes mittagsschläfchen wird mich erfrischen. … oh je, ich würde die schon alle gern mal wieder treffen. aber heute abend? ich muss mich doch an meine arbeit setzen. habe heute noch keine zeile geschrieben. aber wann sehe ich sie alle mal wieder. und wie sieht eigentlich die küche aus? da muss ich erst mal klar schiff machen, dann ist es für die nächste zeit ordentlich und ich kann mich besser auf die arbeit konzentrieren. doch, ich geh da heute abend hin, so schnell ergibt sich die möglichkeit nicht mehr, alle zu sehen.“

solche situationen kennt fast jeder. man hat den ganzen tag was gemacht, nur nicht das geschrieben, das wichtig wäre. dabei hatte man sich so viel vorgenommen und so einen tollen zeitplan gemacht. aber jede mögliche ablenkung scheint willkommen, um nur nicht vor dem leeren blatt oder weißen bildschirm zu sitzen. gründe für das aufschieben kann es viele geben. man hat nicht das gefühl, dass einem was einfällt. es fehlt einem eine klare struktur für den text. der text soll perfekt werden, aber alle versuche waren bis jetzt mittelmäßig. es sind noch so viele andere dinge zu erledigen. …

durch dieses verhalten wird der berg an noch zu schreibendem immer größer und der druck nimmt zu. dies blockiert ein entspanntes schreiben. Weiterlesen

kreatives schreiben und putzen

viele menschen, die gern für sich schreiben möchten oder schreiben müssen, kennen die situation, ausweichhandlungen vorzunehmen. eine der beliebtesten strategien ist es, die wohnung aufzuräumen und von oben bis unten zu putzen. just in dem moment, in dem sie sich an den schreibtisch setzen wollen, fällt auf, dass noch geschirr gespült werden müsste, das eine fenster so dreckig erscheint und das sonnenlicht nur noch gedämpft hereinlässt und dass es längst mal wieder an der zeit wäre, den zeitungsstapel auszusortieren. so sind dann im anschluss die wohnung tiptop aus, aber es wurde keine zeile geschrieben.

aber vielleicht kann man sich ja überlisten. einfach das putzen zum thema des schreibens zu machen. man kann zum beispiel in dem moment, in dem man anfängen möchte das geschirr zu spülen, ein freewriting zum thema geschirrspülen durchführen. oder man notiert sich akribisch, wie man beim geschirrspülen, wenn man keine spülmaschine hat, vorgeht. die mit spülmaschine beschreiben, wie sie sie einräumen, wie sie einzelne töpfe von hand spülen und was bei den einstellungen der spülmaschine zu beachten ist.

man kann dann noch einen schritt weitergehen und sich fragen, welche funktion putzen überhaupt hat. was es bedeutet, dreck zu produzieren und dann wieder zu beseitigen. in diesem moment kann man ins philosophische schreiben wechseln. oder man geht ein wenig psychologischer an die sache ran. man kann sich fragen, wie denn ein emotionaler frühjahrsputz bei einem selber aussehen könnte. was sollte endlich einmal aussortiert werden an persönlichen belastungen und was müsste aufpoliert werden, um sich wohler zu fühlen?

es kann dann noch eine kleine geschichte zum leben in bakterienkolonien verfasst werden, man kann sich fragen, wieweit man ohne die üblichen reinigungsmittel klar käme oder wie sinnvoll man die gesellschaftlichen reinigungsrituale findet. das ergebnis: eine etwas schmutzigere wohnung, aber endlich wieder geschrieben eigene texte.

„dinge geregelt kriegen – ohne einen funken selbstdisziplin“ – ein buchtipp

ratgeber heißen deshalb ratgeber, da einem geraten wird, sie doch einmal zu lesen. so wurde mir dieses buch von verschiedenen seiten als ein amüsantes und hilfreiches ans herz gelegt. eigentlich mag ich keine ratgeber, doch der titel machte neugierig. kurzes blättern im inhaltsverzeichnis und die namen der autorInnen: kathrin passig und sascha lobo (mitherausgeber der grimme-preis-homepage „riesenmaschine.de“), führten zum kauf des werkes.

und ich muss schreiben, es macht spaß, das buch zu lesen. es ist witzig formuliert und widmet sich der „prokastination“, dem verschieben und aufschieben von wichtigen und weniger wichtigen dingen, die zu erledigen sind. kurz zusammengefasst, das buch empfiehlt das sinnvolle aufschieben und stellt viele alltägliche selbstdisziplinierungen in frage.

zu beginn grenzen sich die autorInnen ein wenig von den büchern und lebensstilen der entschleunigung und des downshifting ab. letztendlich führen aber etliche tipps, die sie für die leserInnen bereithalten, wahrscheinlich genau dazu. in ihren überlegungen greifen sie viele praktische lebensumstände auf und mausern sich teils zu einem anti-ratgeber-buch, wenn man den markt der ganzen selbstdisziplinierungs- und zeitmanagement-werke damit vergleicht. das macht das buch so wertvoll. es soll kein durch und durch gesellschaftskritisches buch sein. eigentlich schade, denn vor allen dingen die erste hälfte kommt dem schon sehr nahe. doch dann bei den fragen der alltagsbewältigung tauchen mir persönlich zu viele tipps auf, die doch wieder zum, zwar mit geringerem aufwand, funktionieren verhelfen sollen.

aber es lohnt sich für alle menschen, die sich überfordert fühlen und immer wieder dinge aufschieben, einen blick hineinzuwerfen. und man hat viel zu lachen bei der lektüre. das buch „dinge geregelt kriegen – ohne einen funken selbstdisziplin“ ist 2008 bei rowohlt berlin erschienen. ISBN 978-3-87134-619-4. die homepage zum buch lautet: http://www.prokrastination.com

machen internet und web 2.0 dumm?

die süddeutschen zeitung machte gestern durch alex rühle auf den artikel von nicolas carr aufmerksam, der sich im „the atlantic“ die frage stellte, „is google making us stupid„. der artikel der sz ist hier zu finden: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/878/187284/ . und der artikel von nicolas carr ist hier zu finden: http://www.theatlantic.com/doc/200807/google .

erinnert diese frage nicht an die diskussionen, die immer stattfinden, wenn ein neues medium aufkommt? als der erste film gezeigt wurde, wurde vor den folgen für die psyche gewarnt, der fernseher wurde oft genug verteufelt und selbst der buchdruck sollte die gefahr in sich bergen, die menschen schlecht zu machen. carr fragt sich nun, inwieweit das internet seine hirnfunktionen verändere. er habe nicht mehr die geduld für längere texte und könne nur noch informationshäppchen konzentriert lesen.

das mag schon sein, dass sich die lesegewohnheiten durch den beständigen gebrauch des internet verändern. faszinierend finde ich, dass das internet dafür verantwortlich gemacht wird, liegt die ursache doch ganz woanders. was carr schreibt würde auf das auto übertragen bedeuten: ich kann gar nicht mehr laufen, da es heute das auto gibt. menschen geben die verantwortung für ihre handlungen an die maschinen ab. das ist die crux der heutigen zeit. würden sie nicht den predigten des ökonomischen erfolges glauben und meinen, sie müssten über jedes detail, das in der welt geschieht informiert sein, sie müssten dazu noch den film auf youtube gesehen haben und sie müssten sich darüber in ihrem blog mit anderen ausgetauscht haben, gäbe es ein anderes internet.

warum strebt niemand das ziel an, obwohl es das sowohl inzwischen wieder bei zeitungen und zeitschriften gibt, zu langen texten zurück zu kehren. ich kann mein surfen und lesen auch auf homepages und blogs konzentrieren, die mir ausführliche informationen und lange texte zur verfügung stellen. aber viele haben im hinterkopf, dass sie noch zwanzig termine an diesem tag haben und drei partys besuchen machen. der mensch arbeitet beständig an seiner effektivität und schafft sich erst in der folge so ein internet, wie es jetzt existiert.

zumindest hat carr eine interessante diskussion angestossen, die sich auch im vorfeld schon durch die wissenschaften zog. ein beispiel sei hier aufgezeigt. und ein blog, der sich dem artikel von carr widmet befindet sich hier. es wäre schön, wenn die menschen bereit wären ihren alltag zu entschleunigen, um nicht das gefühl zu haben, wie ein computer zu denken 😮