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web 2.0 und coolness

das web 2.0 für sich ist ja schon cool. zumindest bietet es viele online-möglichkeiten, die vor ein paar jahren noch unvorstellbar gewesen wären. der kontakt, der austausch, das soziale netz – alles ist einfacher und schneller geworden. und zum digitalen austausch online gehört es eben auch, dass emotionen schwer zu vermitteln sind. schon vor etlichen jahren entwickelten user die emoticons, die zumindest ansatzweise emotionen abbilden sollten. doch schaut man sich zum beispiel 😉 , 😯 , 😦 oder 😳 an, so sind dies nicht unbedingt sehr aussagekräftige zeichen.

emotionen können im internet entweder bildlich angedeutet oder schriftlich ausformuliert werden. aber es gibt ein problem: mimik und tonfall fehlen erst einmal. es mag sein, dass liebesbriefe auch heute noch funktionieren und sehr emotional sind. aber sie sind erst einmal einseitig und meist schließen sich andere formen der kommunikation an. aber eine diskussion oder ein gespräch (chat) werden immer daran kranken, dass einem für das verständnis der anderen person bezugspunkte fehlen. schon das telefonieren ist eine einschränkung, die sich noch durch das hören des tonfalls reduzieren lässt, aber schriftlich ist die gefahr von missverständnissen eine größere.

gleichzeitig kann man aber die frage stellen, inwieweit das web 2.0 die coolness in unserer gesellschaft verstärkt. nicht ohne grund definiert sich inzwischen eine gruppe selbst als „emos“, etwas, das vor zwei jahrzehnten seltsam erschienen wäre, da sich die menschen ungern emotionale kompetenzen absprechen lassen würden. heute ist man wahrscheinlich stolz darauf, im netz auf eine strategische art und weise zu kommunizieren. emotionalität kommt am ehesten bei protest und abwertung ins spiel, positive emotionen werden ins private gerettet.

einher mit der coolen kommunikation geht das nesting im engsten vertrautenkreis, abseits des webs. hier wird all das an emotionaler kommunikation gelebt, das virtuell nicht gelebt werden kann. da gleichzeitig das arbeitsleben entgrenzt ins privatleben funkt und die kommunikationsbereitschaft rund um die uhr praktiziert wird ist auch rund um die uhr strategisches verhalten angesagt. kulturpessimistisch könnte man formulieren: je cooler und strategischer kommuniziert werden muss Weiterlesen

biografisches schreiben und fühlen

wie gut ist mein gespür gegenüber menschen und situationen? auf diesen nenner lassen sich wahrscheinlich gedanken zum biografischen schreiben und fühlen bringen. es soll nicht darum gehen, ob man selber emotional ist und gefühle zulassen kann. diese frage stellt sich in einzelsituationen immer wieder. aber wie sieht es mit dem fühlen an sich aus?

spürte man zum beispiel die stimmungen von mitmenschen und konnte man sie treffend einordnen? das meint nicht die vorstellung, dass man auf menschen zugeht und ihnen sagt: „ich weiß genau wie es dir geht, ich spüre das!“. das würden sich zwar viele paare in ihrer beziehung wünschen, endet aber immer in einem ungerichteten „deuten“ von stimmungen, das zu fünfzig prozent falsch sein kann.

es geht eher darum, wie man auf andere menschen zugeht. natürlich bilden sich normalerweise erste eindrücke. ob sie treffend sind, lässt sich nur durch kommunikation klären. aber schaffte man es dann auch in dem kontakt zu anderen menschen (ganz gleich, ob im beruf oder im privatleben), mit ihnen mitfühlen zu können, empathie zu entwickeln und eine angenehme ebene der kommunikation zu finden? man kann das „fühlen“ auch als einen bestandteil sozialer kompetenz betrachten.

beim biografischen schreiben kann man also einen blick darauf werfen, wie man mit anderen menschen in kontakt gekommen ist, und wie weit man sich dabei auf seine gefühle verlassen konnte. denn es ist nicht selten, dass menschen im laufe ihres lebens verlernt oder gelernt haben, ihren eigenen gefühlen zu trauen. auch in die andere richtung kann man einen blick darauf werfen: bei welchen menschen hatte man das gefühl, dass sie einen so gut kennen, dass man sich auf ihr fühlen verlassen konnte, sie einem also auch hilfreiche rückmeldungen geben konnten, wie man auf sie wirkt?

mit diesem fühlen und spüren ist ein gefühl von aufgehobenheit eng verknüpft. wann haben einem andere menschen zurückgemeldet, dass sie sich bei einem aufgehoben fühlen? und wann hat man anderen zurückgemeldet, dass man sich bei ihnen aufgehoben fühlt? das hat viel mit vertrauen zu tun, und vertrauen basiert Weiterlesen

biografisches schreiben und vertrauen

mensch sollte sich beim aufschreiben seiner lebensgeschichte selber vertrauen. das ist eine wichtige voraussetzung. oft fällt das nicht ganz leicht, da viele im hinterkopf haben, dass sie ihre erinnerungen vielleicht zu schön oder zu schrecklich einfärben. aber das ist normal. es ist normal, dass der mensch rückblicke aus seiner aktuellen verfasstheit immer in dem blickwinkel des aktuellen zustandes betrachtet.

dies geschieht nicht nur beim biografischen schreiben, dies geschieht auch im arbeitsleben, im alltag und in allen anderen situationen. denn, und das ist ja eigentlich das schöne, man verändert sich im laufe seines lebens. alle erfahrungen, die man gemacht hat, hinterlassen spuren. man richtet sein handeln und denken ganz automatisch an den gemachten erfahrungen aus. deswegen erscheinen viele diskussion über die authentizität von erinnerungen müssig.

natürlich ist es erstrebenswert distanz zum betrug zu halten. was für einen sinn soll es machen, wenn ich in meine biografie einen berufsabschluss oder einen erfolg schreibe, den es nie gegeben hat? ich würde mir im laufe der zeit nur selber schaden. denn irgendwann schaut jemand genauer hin. und allein die anstrengung, bei vielen äußerungen genau darauf achten zu müssen, was man sagen darf und was man lieber verschweigen sollte, ist eine zu große. sicherlich, hochstapelei kann erst einmal zu erfolgen führen. doch man schaue sich die lebensgeschichten von hochstaplern an. man wird schnell feststellen, dass irgendwann, selbst wenn es nach dem tod war, aufgedeckt wurde, dass daten in der biografie nicht stimmen.

also vertraue man erst einmal seinen erinnerungen. dies entlastet ungemein beim aufschreiben der eigenen geschichte. schreibt man unter ständigem misstrauen, selbstmisstrauen, ist man eher geneigt, seine biografie ständig zu verändern. Weiterlesen

schreibpädagogik und stress

bei der schreibpädagogik müssen zwei blickwinkel in bezug auf die anleitung von schreibgruppen eingenommen werden. zum einen der blick auf den stress als anleiterIn einer schreibgruppe. zum anderen der auf den stress innerhalb einer schreibgruppe, den man als anleiterIn feststellt. beide stressformen können in jederzeit auftreten, sie sind kein weltuntergang, aber im vorfeld kann man sich eventuell schon ein paar strategien überlegen.

man gerät bei der anleitung einer schreibgruppe sehr in (negativen) stress. was kann man tun? ursache kann zum beispiel sein, dass die vorgeschlagene schreibanregung nicht funktioniert, dass am ende eines treffens die teilnehmerInnen ein negatives feedback geben oder dass einzelne teilnehmerInnen den ablauf des gruppentreffens negativ beeinflussen.

in allen drei situationen heisst es erst einmal tief durchatmen, nicht sofort handeln, nicht sofort reagieren, sich nicht augenblicklich verteidigen. am wichtigsten wird es sein, weiterhin authentisch zu wirken. dies bedeutet, keinen hehl aus der eigenen situation machen. gruppen haben ein gespür dafür, wenn jemand versucht, schwierige situationen zu überspielen. natürlich leitet man noch die gruppen, man sollte auch nicht unbedingt allen emotionen freien lauf lassen. es geht eher darum, die ereignisse aufzugreifen und für sich selbst zu nutzen.

man kann zum beispiel offenlegen, dass man sich den verlauf der schreibanregung anders vorgestellt hatte und sich im anschluss mit der schreibgruppe auf die suche nach einer besseren variante begeben. man kann sich erst einmal das feedback ohne verteidigungsargumentationen anhören und dann die gruppe noch einmal konkret nach alternativen fragen. danach kann man selber entscheiden, ob man die vorgeschlagenen alternativen annehmen möchte oder nicht. in diesen momenten sollte man seine handlungen begründen. oder man kann die teilnehmerInnen, die negativ in der gruppe agieren, direkt ansprechen und ihnen offenlegen, dass einen das verhalten stört und andere wahrscheinlich auch.

nicht hilfreich scheint es, die schwierigkeiten zu umgehen, zu ignorieren. dies verstärkt den stress eher, als dass es ihn vermindern könnte. die hier genannten drei ansätze sind ein anfang auf der sache nach neuen handlungsmöglichkeiten. das eröffnet einem mehr spielraum und man ist nicht ständig damit beschäftigt zu „vertuschen“ und zu „besänftigen“.

wenn man wiederum feststellt, dass sich schreibgruppenteilnehmerInnen entweder selber oder gegenseitig unter druck setzen, dann sollte man den eigenen eindruck aufgreifen und verbalisieren. man sollte eine meinung der gruppenteilnehmerInnen einholen, ob man mit seiner vermutung richtig liegt. Weiterlesen

kreatives schreiben und fernsehen

abseits der fernsehsendungen mit schlichtem konzept, gibt es wunderbare fernsehspiele, die nicht versuchen, dem spielfilm gleich zu ziehen. sie bilden den alltag ab, zeichnen die verirrungen und verwirrungen der menschen nach und leben oft von sehr einfachen dialogen, die aber eine ganz andere wirkung erzeugen.

drehbuchautorInnen begeben sich nicht anders auf die suche nach themen, als manche kreativ schreibende menschen, durch verstärkte beobachtung der umwelt und des alltags. schon kleine begebenheiten auf einem platz, in einem bus oder kurze meldungen in zeitungen können die grundlage für einen plot darstellen. das fernsehen hat im gegensatz zum theater, das dafür andere mittel nutzt, die möglichkeit die realität sehr authentisch abzubilden.

im fernsehspiel muss es keine großen helden geben. gut, die geschichte sollte, wie eine kurzgeschichte, einen spannungsbogen enthalten. doch selbst fernsehspiele ohne wirklichen spannungsbogen lassen den zuschauer denken: „ja, genau so ist es. das kenne ich.“. so kann das fernsehen der gesellschaft einen spiegel vorhalten und das, was man da sieht, kann anlass für diskussionen sein. warum also mal nicht in der schreibgruppe anstatt einer kurzgeschichte, einen plot für ein fernsehspiel verfassen oder dialoge von der strasse zu einer geschichte werden lassen?

andersrum wird aber auch ein schuh draus. warum nicht einmal ein sehr gutes fernsehspiel als schreibanregung verwenden. Weiterlesen

woche des biografischen schreibens

nach diversen motto-wochen ist es an der zeit, sich neben der selbsterkenntnis, dem schlichten biografischen schreiben zu zu wenden. darum wird diese woche und ein teil der nächsten woche zur „woche des biografischen schreibens“ von mir ernannt. in den letzten jahren gewinnen dokus im fernsehen beständig an zuschauerInnen, ein zeichen für das interesse am authentischen, am realen. die eigene lebensgeschichte ist wahrscheinlich das realste, das uns zur verfügung steht. alle anderen abläufe in unserer umwelt werden wir nur ausschnitthaft wahrnehmen können, aber uns erleben wir rund um die uhr.

trotzdem stellt sich die frage: warum sollte ich mich mit meiner lebensgeschichte auseinandersetzen? so interessant ist mein leben nicht. dieser frage und überlegungen dazu, was ich mit dem biografischen schreiben erfassen kann und möchte, werde ich in den nächsten tagen nachgehen. daneben versuche ich schreibideen zu biografischem schreiben vorzustellen. und die vorschläge zur selbstbefragung werden weitergeführt. ich hoffe, dass dies ein wenig neugierig macht.

apropos, neugierde ist beim biografischen schreiben, wie die kreativität beim kreativen schreiben, eine grundlage. wenn ich nicht neugierig auf mich selber, auf die erlebnisse, die ich hatte, auf die menschen um mich bin, wird es schwer werden, erlebtes zu beschreiben. außerdem hofft das biografische schreiben auf die neugierde anderer, wenn es zu veröffentlichungen kommen soll. die leserInnen sind hoffentlich neugierig auf die lebensgeschichte von mir. viele menschen vermuten dazu benötige es ein wahnsinnig aufregendes leben. hier verhält es sich wie bei den dokus im fernsehen, manchmal ist schon der allgemeine alltag sehr spannend. und eines zeigt das biografische schreiben immer: wie vielfältig die menschen und ihre leben sind. keine lebensgeschichte gleicht der anderen.

viel neugierde und spaß in den nächsten tagen wünsche ich.

wortklauberei (13)

„schicksalsreportage“

dann, wenn der aberglaube ins spiel kommt (wie hier bei der wortklauberei „13“), dann stehen alle tore für absurdes offen. immer wieder tuen sich die privatsender des fernsehens durch einen hang zur mystik und zum aberglauben hervor. darum fällt es ihnen auch so leicht, über ufos, außerirdische und dergleichen mehr zu berichten. hat wohl was mit der kundenbindung zu tun. der mensch widmet sich in unsicheren zeiten gern dem gedanken, er habe keinen einfluss auf die entwicklung und außergewöhnliche ereignisse im hintergrund steuerten sein leben. ist der hang zu den männlein vom mars und weiblein von der venus beim einzelnen gering, dann gibt es immer noch den gedanken ans „schicksal“. das soll hier nicht heißen, dass es nicht ereignisse gibt, die einen überraschen und auf die man keinen einfluss hat.

es soll nur heißen, dass die schicksalsereignisse so überraschend kommen, dass eine kamera nun nicht dabei sein kann. so wird es schwierig mit der „schicksalsreportage„, die sich eher in einer schicksalsnacherzählung erschöpft. zu den erzählungen gehört es, dass von den betroffenen möglichst dass innerste nach außen zu kehren ist, damit etwas entsteht, das manche journalistInnen als „authentisch“ bezeichnen. da wird dann gern die kamera auf die verzweifelten gehalten und viele zuschauer befinden sich sofort im zustand des „fremdschämens“. sie halten diese reportage schwer aus. ebenso wie die menschen, über die berichtet wird. meist realisieren sie erst einige zeit später, dass ein schwacher moment in ihrem leben dafür genutzt wurde den voyeurismus anderer zu befriedigen. und im nachhinein entwickelt sich die reportage für sie zu einer katastrophe. wahrscheinlich ist das mit dem begriff „schicksalsreportage“ gemeint 😦