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schreibgruppen selber gründen (07)

(schreib)gruppenleitung

vor dem start der gruppe steht die entscheidung, ob es eine gruppenleitung geben soll und ob man sie selber leiten möchte, wenn man sich für eine gruppenleitung entschieden hat. es besteht auch die möglichkeit, aus der gruppe heraus eine gruppenleitung zu wählen oder die leitung immer wieder untereinander zu wechseln. der vorteil einer gruppenleitung besteht darin, dass sich jemand direkt verantwortlich für die durchführung des schreibgruppentreffens fühlt. dies ist bei wechselnder leitung oder bei gemeinsamer durchführung nicht immer gegeben.

doch was gehört nun zu einer angemessenen schreibgruppenleitung?

  • an erster stelle sicherlich spielraum, den man sich selber schaffen muss. bevor die gruppe überhaupt startet, sollte man sich bewusst sein, dass sie nie so verläuft, wie man sich das vorstellt, darum sollte man flexibel auf abläufe reagieren können.
  • dann benötigt man angenehme durchsetzungskraft. bei einer freiwilligen gruppe, die sich selber eine anleitung gibt, möchten alle teilnehmerInnen, dass ihre bedürfnisse berücksichtigt werden, sie möchten aber gleichzeitig, dass es eine klare linie gibt. also: führen sie mit nachdrücklichem charme ihre vorstellungen durch. nehmen sie nicht eine störung ernster als die andere.
  • haben sie alternativideen im kopf. es kann zum beispiel schreibanregungen geben, die sie selber ganz wunderbar finden, aber alle teilnehmerInnen langweilig. was haben sie in diesem moment noch zu bieten?
  • sie müssen den mut haben, jemanden zu unterbrechen, wenn er sich zu viel raum bei rückmeldungen oder feedbacks nimmt und darum andere nicht mehr zu wort kommen. können sie unterschwellige konflikte aushalten?
  • es wird gern bei gruppenpädagogik gesagt, dass störungen vorrang haben. doch störungen können auch einfach nur ätzende störungen sein. sie sollten dies unterscheiden können und dann klare worte dafür finden.
  • um es auf die spitze zu treiben (auch wenn dies selten notwendig ist): trauen sie sich, jemanden aus der gruppe zu werfen, ohne persönlich zu reagieren? dann sind sie der / die richtige.
  • und dann sollten sie noch die quadratur des kreises hinbekommen: schaffen sie eine möglichst hierarchiefreie zone (es ist ja keine kaserne) und verlieren sie trotzdem ihre autorität nicht.
  • und letztendlich müssen sie sich überlegen, ob sie selber mitschreiben wollen und auch in den feedbackrunden dabei sind. denn ihrer bewertung wird eventuell wegen ihrer rolle von den teilnehmerInnen mehr gewicht gegeben. na ja, und gern schreiben sollten sie sowieso wollen, auch wenn sie nicht mitschreiben.

das klingt jetzt sehr anspruchsvoll, ist es wahrscheinlich auch, aber es ist leichter, als es jetzt hier klingt. man kann bei (schreib)gruppen nie vorher wissen, was passiert, aber man kann sich im vorfeld seiner rolle vergewissern und sich überlegen, ob dies für einen angenehm ist, vor allen dingen, wenn man vorher noch nie eine gruppe angeleitet hat, die schreibgruppe selber gründet und gern seine vorstellungen in der gruppe umgesetzt sieht. das kreative setting bedeutet aber meist sehr viel spaß, auch als gruppenleitung, und lässt einen selber viel lernen, jedes mal wieder.

biografisches schreiben und autoritäten

neben den vorbildern, die bei der entwicklung des eigenen lebens eine olle spielen können, haben vor allen dingen so genannte autoritäten einen gehörigen einfluss auf uns. autoritäten besitzen nicht per se mehr macht, sie wird ihnen auch zugeschrieben. dies oft gesellschaftlich und durch die erziehung. je nachdem was einem im laufe der zeit vermittelt wurde, verhält man sich auch dementsprechend autoritäten gegenüber.

die bewegung der 68er war zum beispiel in vielen gesellschaftlichen zusammenhängen der versuch, autoritäten vom sockel zu stürzen. darunter wurden professoren, universitätspräsidenten, richter, polizisten und vieles mehr verstanden. die antiautoritäre erziehung versuchte machtverhältnisse aufzulösen. früher war autorität vor allen dingen eng gekoppelt an das männliche geschlecht. das ist heute nicht mehr so.

trotz allem haben viele menschen vor allen dingen viel zu viel respekt vor öffentlichen einrichtungen, obwohl sich deren autorität aus nichts heraus erschließt. dazu kommt, dass viele anderen die macht zusprechen, über sie zu urteilen und sie zu bewerten. auch hier erschließt sich nicht, woraus diese position entsteht. eng gekoppelt wird dies zum beispiel an einen wissensvorsprung, der zwar in teilbereichen vorhanden ist, aber in anderen bereichen wahrscheinlich nicht gegeben ist. damit verkleinern menschen gern ihre eigenen kompetenzen.

beim betrachten der eigenen lebensgeschichte kann aus verschiedenen perspektiven auf die autoritäten des eigenen lebens geblickt werden. zum beispiel unter der fragestellung, wann man das erste mal den respekt vor einer künstlichen autorität verloren hat oder wer wirklich für einen eine autorität darstellte. man kann sich aber auch fragen, wer einem die eigene haltung zu autoritäten vermittelt hat und in welchen lebenszusammenhängen man in machtkämpfe verstrickt war. abhängigkeiten schaffen nicht selten autoritäre bezüge. wann befand man sich in abhängigkeiten? wie hat man diese erlebt und nutzte jemand seine autorität aus? was bewirkte dies in bezug auf die eigene biografie? autoritäten geben eine menge anlass über die eigenen lebenszusammenhänge beim biografischen schreiben nachzudenken.