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„die unruhezone“ von jonathan franzen – ein buchtipp

es ist kein neues buch, es ist schon länger auf dem markt, aber manchmal kommt man nicht gleich dazu, ein buch zu lesen. es sagt auf keinen fall etwas über die qualität des buches aus. das buch „die unruhezone“ ist ein wunderbares beispiel für biografisches schreiben.

jonathan franzen führt vor, wie man seine kindheit und jugend in verschiedene erinnerungen, begebenheiten und entwicklungen aufteilen kann, wie man sie berichten und bewerten kann und wie sie sich leicht und unverkrampft lesen lassen. da franzen selber noch nicht auf ein langes leben zurückblicken kann, sondern auf eine etwas angestrengte und ereignisarme kindheit und jugend, ist dies nicht unbedingt stoff für fesselnde geschichten.

aber er schafft es, dass man seine berichte in einer wahrscheinlich durchschnittlichen, bürgerlichen amerikanischen familie mit all ihren unebenheiten und verkrampfungen schwer beiseite legen kann. es ist ein plauderton, der so zu sagen „nebenher“ die vielen unsicherheiten der pubertät und des finden des eigenen wegs offenlegt. dabei wirkt das buch von franzen sehr ehrlich (obwohl man natürlich nicht sagen kann, ob sich wirklich alles so zugetragen hat) und legt sein großes bemühen, anschluss an die welt zu finden, offen.

er verschachtelt seine erinnerungen in einer art und weise, dass sie am ende des buches ein rundes bild seiner gewordenheit wiedergeben. ein lohnenswertes buch in zweierlei hinsicht: als entspannte unterhaltung und als orientierung für das eigene biografische schreiben. das buch ist 2008 bei rororo in reinbek bei hamburg erschienen. ISBN 978-3-499-24439-1

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nabelschau (14)

der hype des bürgertums. eine aufgabe des bürgertums ist es, sich ob der moralischen werte sorgen zu machen und gleichzeitig den nervenkitzel zu verspüren, in kontakt mit sündenbabel zu kommen. so wurden die schmuddelkinder schon immer gleichzeitig verteufelt und bewundert. denn diese lebten das, was die bürgerInnen im tiefsten winkel ihrer seele ersehnten, eine gewisse form der dekadenz.

so verwundert es auch nicht, dass der berliner club „berghain“ es heute auf die erste seite des feuilletons des süddeutschen zeitung geschafft hat. denn hier kann sich im angeblich „angesagtesten club der welt“ der bürger, die bürgerin in kontakt bringen mit sexuellen ausschweifungen (darkrooms, unisex-toiletten) und „schwulen“. man kann sich richtig vorstellen, wie manchen ein wohliger schauer über den rücken fährt, während sie eine ihnen fremde welt betrachten. gustav seibt beschreibt die entwicklung des clubs als anfang vom ende, da die „location“ inzwischen hoffähig und dadurch verwässert wird.

das schöne an dieser entwicklung ist es, dass sie nicht aufzuhalten ist und inzwischen nur noch ein abklatsch dessen, was gelebt werden kann, wenn man möchte. besonders schön daran ist, dass berlin die möglichkeit hat und immer nutzte, schon längst wieder neue orte und spielplätze der schmuddelkinder zu schaffen. die wellen der empörung werden wegen der alternativen wieder hochschlagen, die aufregung wird groß sein, dem persönlichen ekel wird ausdruck verliehen, um später einen blick auf die dekadenz anderer zu werfen.

die eigentliche gefahr besteht aber darin, dass die beachtung keine anerkennung ist. es ist eben nicht mehr als ein schauer, der über den rücken läuft, um sich anschließend zu sagen, dass man doch auf der guten seite der gesellschaft seinen platz gefunden hat. mich erinnert dies an einen größeren schwulen club vor über zwanzig jahren in stuttgart, der gern einmal von heterosexuellen bürgerlichen abendgesellschaften besucht wurde um nichts anderes zu tun, als zu gaffen. in solchen momenten wünschte ich mir immer, dass die kinder der paare auch garantiert schwul oder lesbisch würden. denn ein wenig leben kann in den besten familien vorkommen.