Schlagwort-Archive: collage

Jon Rafman – ein surftipp

noch ein internet-wiederverwerter oder -recycler. auch jon rafman bietet viele kunstwerke, collagen oder filme auf seiner homepage an, die ihn in die tiefen des internets führten. so hat er zum beispiel „google streetviews“ genutzt, um außergewöhnliche fotografien und begebenheiten am strassenrand zu finden, zu kopieren und auszustellen.

durch rekombination, remix, collage und software-experimente werden aus internet-angeboten außergewöhnliche sichtweisen. ein ideenpool, der auf das schreiben und die vielen möglichkeiten mit internet-texten übertragen werden kann. so wie rafman ein seltsames männlein in die „second life“-welt schleuste, so kann man texte aus foren kopieren und sich irreal in den diskurs einmischen. der diskurs nimmt durch die verfremdung plötzlich einen anderen verlauf.

die werke der letzten jahre können über dies seite aufgerufen werden:

Jon Rafman.

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schnickschnack (122)

die werke des internetkünstler „systaime“ sind das visuelle pendant zum „uncreative writing“, indem er vorhandenes aus dem internet aufgreift und daraus collagen oder spielerische gifs macht. man nehme das kostenlose, einen zuschüttende trash-angebot aus pop-ups, von homepages und dergleichen mehr und mache daraus ein großes plakatives werk, das den stand der dinge abbildet. aus was besteht das netz? die eine homepage von systaime zeigt es. siehe hier: http://systaime.com/freesurf/ .

noch aussagekräftiger würde aus meiner sicht das werk, wenn es in einer endlosschleife aufrufbar wäre und das scrollen durch die collage kein ende finden könnte. aber auch so bietet die seite schon einen guten überblick über das vohandene, kostenlose und marktschreierisch angebotene. neu zusammengefügt ergibt sich eine ganze andere geschichte, ein neuer blick auf die digitale welt. aus dem alltag kunst zu machen, ein prinzip des flarf, kann abbilden und vorführen, auf welche blickwinkel sich das internet in suchmaschinen und werbung beschränkt. also ein digitales abbild unserer wirklichkeit.

und all dies nur mit hilfe des copy & paste entwickelt, kaum hinzugefügtes, ausschließlich aufgegriffenes und wiederverwertetes. und doch wieder etwas ganz neues – ein visueller remix.

SUPER ART MODERN MUSEUM – SPAMM – ein surftipp

das web 2.0 und das internet bedürfen weiterhin einer künstlerischen bearbeitung, ganz gleich ob nun schriftlich, technologisch, visuell oder analytisch. das „super art modern museum“ ist eine wunderbare sammlung unterschiedlicher künstlerischer reaktionen auf das netz und seiner vielfältigen angebote. eine schöne ergänzung zu den überlegungen des uncreative writing, zu den copy-&-paste-collage-remix-gedanken. von flarf nicht weit entfernt, regen die werke verschiedener digitaler künstlerInnen zur nachahmung und zu mehr an. sich einfach mal surfend treiben lassen 😉

SUPER ART MODERN MUSEUM – SPAMM – MUSEE DES ARTS SUPER MODERNES.

schreibidee (371)

der fluss ist wichtig, der verkehrsfluss. menschen schaffen sich unzählige autos an und haben dann das problem, dass sie sich damit nicht ungehemmt fortbewegen können. stop + go ist das grundprinzip in vielen regionen der welt. in vielen regionen wurde in den letzten jahrzehnten zur beruhigung der autorfahrerInnen die ampelkreuzung zugunsten des kreisverkehrs abgeschafft. auch der schreibfluss ist wichtig. darum eine schreibanregung zu „kreisverkehr-geschichten“.

man könnte es auch als schreibspiel bezeichnen, was dieses mal in der schreibanregung umzusetzen ist. die klassiker sind die knick-und-falt-texte, die in einer runde weitergegeben werden. als einstieg in diese schreibanregung kann man gern das „alte“ schreibspiel aufgreifen, da es immer wieder spaß macht.

in der folge werden aber die eigenschaften des kreisverkehrs aufgegriffen. im gegensatz zu vielen anderen schreibideen gibt es dieses mal keine weiteren vorbereitenden schreibanregungen, sondern nur eine schreibidee, die sehr zeitaufwändig sein kann. am besten setzen sich die teilnehmerInnen der schreibgruppe in einen großen kreis. nun können, um einen einstieg ins schreiben zu finden, kurze assoziationstechniken vorgeschlagen werden. dann beginnen alle teilnehmerInnen gleichzeitig an einer geschichte zu schreiben. nach ungefähr einer halben stunde werden die entstandenen texte im kreis weitergegeben. das geschriebene bleibt für die nachbarInnen sichtbar.

dann wird wiederum eine halbe stunde an der jeweils vorliegenden geschichte weitergeschrieben. beim nächsten textwechsel kommt das prinzip des kreisverkehrs zum tragen. wer möchte kann „abbiegen“. das bedeutet, man kann den kreis verlassen, den vorliegenden text mitnehmen und an ihm weiterschreiben für die nächste halbe stunde. es werden nur die texte der teilnehmerInnen im kreis weitergegeben. nun wird wieder eine halbe stunde geschrieben. vor dem dem abermaligen wechsel können nun diejenigen, die wollen, sich wieder in den kreisverkehr an beliebiger stelle einordnen und andere den kreis verlassen.

so entstehen ständig neue sitz-, wechsel- und textkombinationen während des schreibens. und es darf eben auch eine längere zeit an einem einzigen text weitergeschrieben, ganz nach belieben der teilnehmerInnen. plant man zum beispiel sechs wechsel während der schreibgruppe ein, benötigt allein das schreiben an den kreisverkehr-geschichten drei stunden. dies sollte man beachten, denn anschließend werden die geschichten auch noch in der schreibgruppe vorgetragen und es gibt eine ausführliche feedbackrunde. darum lässt sich diese schreibidee am besten in schreibwerkstätten umsetzen, die über einen zeitraum von einem tag oder länger stattfinden.

vorteil dieser übung ist es sicherlich, dass sich kaum jemand dem schreibfluss entziehen kann. es wird schwierig, durch die weitergegebenen geschichten und den ablauf nicht zum schreiben angeregt zu werden.

schreibidee (351)

es gibt diese tage, die mit dem linken bein, an denen man das gefühl hat, irgendwer habe nichts besseres zu tun, als einem knüppel zwischen die beine zu werfen. ja, es gibt sogar jahre oder leben, die eben diese ständig auftauchenden hürden in den vordergrund rücken lassen. und doch nimmt der mensch unablässig eine hürde nach der anderen, auch wenn kein lebensplan sich so vollendet, wie gedacht. darum eine schreibanregung für „hürdenlauf-texte“.

als einstieg betrachten alle schreibgruppenteilnehmerInnen ihr eigenes leben und überlegen sich, welche hürden in den letzten zehn jahren vor ihnen auftauchten. dabei sollte es sich um hürden handeln, die sie zu einer verhaltensänderung gezwungen haben, die ihre pläne durchkreuzten. nun greifen sich die schreibenden jeweils zwei hürden heraus, die sich in einmal text von maximal einer seite näher beschreiben. anschließend wird eine der hürden in der schreibgruppe vorgestellt.

im zweiten schritt notieren sich die teilnehmerInnen ihre zwei elegantesten sprünge über die hürden. wie haben sie die hindernisse genommen? was mussten sie dafür tun? nicht notwendig ist, dass es wirklich funktionierte. man kann hürden auch umreissen, in stolpern geraten. die eleganz der strategie sollte im vordergrund stehen. zu jeder hürden-überwindung wird auch ein kurzer text von maximal einer seite verfasst. die texte werden nicht in der schreibgruppe vorgetragen.

anschließend stellt die leitung der schreibgruppe eine protagonistin, einen protagonisten vor. und je nach teilnehmerInnenzahl in der schreibgruppe wird die lebenssituation der person um die entsprechende jahreszahl zurückgehend vorgestellt. nun wird von der schreibgruppe gemeinsam ein hindernis-parcours erstellt. in jedem jahr bis zur gegenwart taucht eine hürde auf. was das für eine ist, wird von der gruppe festgelegt. dann wird in der schreibgruppe gelost, wer welche hürde übernehmen muss.

im nächsten schritt schreiben alle teilnehmerInnen den schluss ihrer geschichte, soll heißen, es wird der letzte abschnitt verfasst, der zeigt, ob die hürde genommen wurde oder die person daran scheiterte. wie sehen die konsequenzen aus? dieser letzte abschnitt wird noch einmal abgeschrieben oder kopiert und den vertreterInnen der nächsten hürde in der schreibgruppe übergeben. nun knüpfen alle ihre zu schreibenden geschichten an den letzten absatz ihrer vorgängerInnen an.

es werden ausführliche geschichten zur jeweiligen situation geschrieben, natürlich mit dem letzten absatz, der schon geschrieben wurde und an den schluss gestellt wird. dann wird der gesamte hürdenlauf eines menschen über mehrere jahre in der schreibgruppe vorgelesen. anschließend findet eine ausführliche feedbackrunde zur gruppengeschichte statt. und zum abschluss können sich alle gemeinsam noch ein happy-end ohne hürde überlegen oder alle teilnehmerInnen formulieren jeweils einen kurzen schluss des hürdenlaufs und tragen ihn in der gruppe vor.

schreibpädagogik und medien

bei der anleitung von schreibgruppen können alle medien eine gute unterstützung sein. je nach schreibanregung kann man jedes medium verwenden: radio, fernsehen, zeitung, zeitschriften, bücher, tonträger, internet, film-dvds und was einem sonst noch so in kombination einfällt. der computer ermöglicht es uns heute alles collagierend miteinander zu verbinden. sollte man gut vernetzt sein und eine prima digitale ausstattung zur verfügung haben, dann können multimediale projekte leicht in angriff genommen werden.

leider stehen dem meist noch technische hürden im weg. denn sonst wäre es leicht möglich eine kombination aus kollaborativem schreiben und der verstärkung des geschriebenen durch bilder, töne und filme herzustellen, die wiederum als projekt oder labyrinth im internet der öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. das ganze eingerahmt von einem ansprechenden und die texte verstärkenden layout ließe „einmalige“ auftritte zu.

doch auch abseits solcher überbordenden collagen genügen manchmal kurze einsätze einzelner medien, um eine schreibidee einzuleiten oder zu verwirklichen. das fängt bei fotografien aus zeitschriften (oder dem internet) an, geht weiter über einzelne zeitungsartikel, bücher, radiosendungen (interviews, hörspiele …), filmausschnitte, kurzfilme oder spielfilme, animierte homepages oder nachschlagewerke im internet bis zu musikalischer untermalung oder präsentationen. in diesem blog habe ich etliche schreibideen vorgestellt, die unter der verwendung einzelner medien umsetzbar sind.

noch konkreter wird die vorstellung der medien beim „uncreative writing“, da dort der gedanke des „remix“ eine große rolle spielt. diese technik kann auf alle eben aufgezählten medien angewendet und mit geschriebenem verknüpft werden oder zu geschichten animieren. einzig zu beachten scheint mir, dass der mediale in schreibgruppen zeitlich nicht dominiert. so kann es für teilnehmerInnen frustrierend sein, erst einen 90-minütigen film anzuschauen, um dann noch eine halbe stunde etwas zu schreiben.

natürlich kann man zwischenzeitlich medial in die vollen gehen, doch man sollte mit der schreibgruppe abklären, ob dies auch in ihrem interesse ist. solche konzentrationen können sehr spannend werden aber auch die schreibmotivation reduzieren. auch der technische aufwand ist zu bedenken. wenn man bei der vorbereitung Weiterlesen

schreibidee (346)

sigmund freud hatte für die menschliche psyche so eine anschauliche zwiebelschalen-vorstellung. mittig befand sich ein kern und im laufe von therapien, selbstreflexion oder ähnlichem wurde zu diesem beständig vorgedrungen. oder schauen wir und die erde an, mit ihren gesteinsschichten. auch hier befindet sich mittig ein (heisser) kern. darum entweder zum kern der dinge vordringen oder drumherum aufschichten bei der schreibanregung zu „ge-schichten-schichten“.

die schreibgruppe wird zu beginn aufgefordert in drei sätzen eine geschichte zu erzählen. also eine verknappte story, eine kurze handlung und nicht mehr. nun werden am rand und zwischen die drei sätze, jeweils ein weiterer satz geschrieben – also vier sätze hinzugefügt (am besten lässt sich die übung am computer durchführen). dies wird wiederholt (nun ist man schon bei insgesamt 15 sätzen). man kann diese vorgehensweise so oft wie man möchte wiederholen. im laufe der zeit schichtet sich eine umfassende geschichte aus dazwischen-dazwischen-…-geschobenen sätzen. zum abschluss werden die geschichten vorgetragen.

im anschluss versucht man eine andere geschichten-schichtung. als erstes wird eine ungefähr halbseitige geschichte geschrieben, zu der kein inhalt vorgegeben wird. anschließend wird vor die geschichte wiederum eine halbe seite text gestellt, dies wird noch dreimal wiederholt. es sollte möglichst versucht werden, sich immer nur auf die jeweilige aufgabe zu konzentrieren, also nicht gleich die nächsten schritte mitzudenken. durchbrochen kann dies dadurch werden, dass zwei texte geschrieben werden und jeweils, ohne es vorher zu wissen, entweder eine halbseitige schicht am ende oder am anfang hinzugefügt wird. die vorgaben, welcher abschnitt geschrieben werden soll, werden spontan von der schreibgruppenleitung festgelegt.

dies ist eine recht zeitaufwendige schreibübung, doch sie bietet die möglichkeit, ganz unberechenbare geschichten entstehen zu lassen. man kann sogar so weit gehen, einen halbseitigen abschnitt zwischen zwei andere halbseitige texte einfügen zu lassen. dies kann zum beispiel mit hilfe von karteikarten im din-a-5-format geschehen, die dann zusammengefügt werden. wenn genug zeit vorhanden ist, dann können auch in einer runde halbseitige schicht von anderen schreibgruppenteilnehmerInnen eingefügt werden.

zum abschluss werden die entstandenen längeren geschichten vorgetragen und es findet eine feedbackrunde statt.

schreibidee (321)

auch die schreibidee soll dieses mal im zeichen der un-woche des uncreative writing stehen. nutzen sie den text, der schon in der welt ist, um neuen text zu remixen und gestalten. dabei können sie auf verschiedene formen zurückgreifen, um „analog- und digital-flarf“ zu verfassen.

als einstieg in der schreibgruppe werden informationen und texte gesammelt. alle teilnehmerInnen werden aufgefordert mindestens eine tageszeitung und drei bücher mitzubringen. diese textlieferanten werde zusammengetragen. nun wählen sich zu beginn die teilnehmerInnen eine tageszeitung aus. die zeitung wird von oben links nach unten rechts seite für seite durchgearbeitet. im vorfeld sollte festgelegt werden, wie viele sätze, zeilen oder begriffe den zeitungen entnommen werden.

nun wird aus jedem artikel der zeitung eine zeile, ein wort, ein satz oder halbsatz notiert. bei der auswahl kann man entweder beliebig vorgehen und mit geschlossenen augen auf eine stelle tippen oder man wählt nach vorliebe aus. die auszüge werden untereinander auf ein blatt geschrieben. wenn die vorgegebene zahl erreicht ist, setzen sie die teilnehmerInnen daran, die notierten worte und sätze in einen für sie schlüssigen zusammenhang zu bringen. daraus kann entweder ein neuer text, ein gedicht oder ein artikel werden. die neuen texte werden in der schreibgruppe vorgetragen.

ähnliches geschieht mit den büchern, aber hier soll der zufall eine noch größere rolle spielen. dazu wählen alle teilnehmerInnen für sich eine seitenzahl. dies kann ihr geburtstag sein oder ihre lieblingszahl, ganz gleich wie sie wollen. nun werden in beliebiger reihenfolge die seiten entsprechend der gewählten seitenzahl in den büchern aufgeschlagen. der erste satz der seite wird notiert (man kann auch vorgeben, dass der zweite oder dritte oder … satz notiert wird). sind alle bücher verwendet worden, wird ebenfalls aus den notierten sätzen ein neuer text entworfen, der in der schreibgruppe vorgetragen wird. solche analogen flarfs zu schreiben kann in vielfältigen anderen formen durchgeführt werden.

zum abschluss sollte man sich den digitalen flarfs zuwenden. am besten wäre es, wenn alle teilnehmerInnen einen computer für sich zur verfügung hätten, der einen internetzugang besitzt. dann kann man eine suchmaschine nutzen, um zu den selbstgewählten suchbegriffen aus den ergebnissen text für einen digitalen flarf zu ziehen. dies kann man aber auch als gruppenaufgabe mit computer und beamer in einer schreibgruppe bewerkstelligen. dazu werden im vorfeld abstimmungen zu den suchbegriffen durchgeführt, anschließend werden diese in eine suchmaschine eingegeben und alle teilnehmerInnen wählen für sich aus den suchergebnissen sätze oder wörter aus. auch aus diesen ergebnissen wird wieder ein flarf erstellt.

ganz am ende des schreibgruppentreffens wird darüber diskutiert, inwieweit es sich bei dieser vorgehensweise um eine kreative technik handelt oder nicht, ist es doch eine form des „zufälligen“ collagierens.

schreibidee (317)

es wird kälter, es wird früher dunkel und bald haben wir wieder die winterzeit. menschen ziehen sich in warme räume zurück und für viele kommt die zeit des bastelns. ob nun laternen für die umzüge, kostüme für halloween oder deko für die jahresendzeitfeierlichkeiten. warum nicht mal wieder eine schreibanregung zum geschichten-basteln? also, biete ich dieses mal eine schreibübung für „textrand-geschichten„.

es gibt drei möglichkeiten zum einstieg in diese schreibidee. entweder wird zu beginn erst einmal eine etwas längere geschichte zu einem vorgegebenen thema geschrieben (vorteil: alle schreiben zum gleichen thema, ein hübscher vergleich ist später möglich), es werden ältere selbstgeschriebene geschichten von den teilnehmerInnen zum schreibgruppentreffen mitgebracht (vorteil: man spart zeit, da schon eine geschichte vorhanden ist) oder es wird von der schreibgruppenleitung ein text berühmter schriftstellerInnen mitgebracht (vorteil: alle arbeiten am gleichen text und können sich mit weltliteratur messen).

denn nun werden die texte zerschnitten (siehe oben: basteln 😉 ). nur der erste und der letzte absatz bleiben übrig (man kann dies natürlich auch mit ganzen büchern vorbereiten. auch hier werden dann nur der erste und der letzte absatz genommen). alle schreibgruppenteilnehmerInnen bekommen entweder die gleichen textränder oder die jeweiligen abschnitte werden in der gruppe weitergegeben. nun besteht die aufgabe darin, zwischen anfang und ende eine neue geschichte zu schreiben.

man kann diesen vorgang noch einmal wiederholen und abermals die geschichte zerschneiden. dieses mal werden sowohl am anfang als auch am ende die ersten beiden und letzten beiden absätze stehengelassen. alle geben ihre zwei mal zwei absätze oder ihre längeren textränder an die anderen schreibgruppenteilnehmerInnen weiter. und noch einmal wird der zwischenraum mit einer neuen geschichte gefüllt.

wenn es sich machen lässt, dann kennt niemand die ur-geschichte. denn zum abschluss werden alle verschiedenen varianten einer geschichte nacheinander vorgelesen. erst die originale, dann die mit je einem absatz an anfang und ende und dann die mit zwei absätzen. in der feedbackrunde werden vor allen dingen die erfahrungen damit, eine geschichte einpassen zu müssen, ausgetauscht.

„reality hunger“ von david shields – ein buchtipp

wie dieses buch beschreiben? für mich war es eines dieser bücher, das man zufällig beim buchhändler entdeckt, das man anfängt zu lesen und das man nicht mehr weglegen kann. denn es regt zum denken an. man unterbricht sein lesen immer wieder, um sich eigene gedanken zum gelesenen zu machen. und dabei geht es um solch unspektakuläre themen, wie biografisches schreiben, fiktionale und nicht-fiktionale literatur, um das abbilden von wirklichkeit, um den subjektiven anteil der autorInnen beim schreiben und um das kopieren in der kunst.

das buch setzt sich beinahe ausschließlich aus zitaten zusammen, die der autor „remixed“ hat. und wie er es in seinem werk beschrieben hat, ergibt sich ein ganz neues mosaik, das eine eigene aussage transportiert. das buch ist ein provokation. david shields nennt es selber „reality hunger – ein manifest„. ein manifest für eine neue schreibe in der heutigen zeit, in der seiner ansicht nach, fiktionale romane eigentlich nicht mehr geschrieben und gelesen werden können oder wie ein zitat bescheinigt „plots sind was für tote„.

die zukunft liegt im neu kombinieren, im mixen, im plagiieren und kopieren, so wie es die musik, aber nicht nur sie, sondern eigentlich jede kunstrichtung, schon immer vorgemacht haben. die neue mediale welt erleichtert diesen prozess zusehends und ermöglicht es immer mehr menschen, ihre eigenen wahrheiten und darstellungen zu veröffentlichen. das wirbelt die kunstwelt durcheinander. die verteidigungskämpfe der alten medialen gepflogenheiten versuchen das abgrenzende kunstverständnis aufrecht zu erhalten. doch die welt ist schon längst weiter.

so wird sich nach shields auch die literatur verändern. wir dürsten nach wahrheiten und wirklichkeiten, die keine sind. können sie auch nicht sein, wenn man dem zitat eines zitates glaubt: „man verfälscht die wahrheit, wenn man schreibt. man kann nicht so tun, als würde man versuchen, zur wörtlichen wahrheit zu gelangen. und wenn man sich diesen mangel eingesteht, besteht der einzige trost darin, dass man zur dichterischen wahrheit zu gelangen sucht, die sich allein durch erfindung, imagination und stilisierung erreichen lässt. ich strebe nach authentizität; an ihr ist nichts wirklich.

und so wollte shields die verwendeten zitate in seinem mosaik nicht kennzeichnen, aber der verlag bestand aus rechtlichen gründen darauf. denn der autor hat etwas neues geschaffen, etwas, dass das schreiben neu definieren könnte. spannend und lesenswert. „wenn wir unsicher sind, sind wir am leben„.
das buch ist 2011 bei c.h.beck in münchen erschienen. ISBN 978-3-406-61361-6

„das lesikon der visuellen kommunikation“ von juli gudehus – ein buchtipp

nein, es handelt sich um keinen tippfehler, es sollte nicht „lexikon“ heißen, „lesikon“ ist eine schöpfung der autorin. lesikon deutet schon darauf hin, dass viel zu lesen ist, doch erst beim aufschlagen fällt auf, dass nicht ein bild zum thema visuelle kommunikation auftaucht. wenn man nicht anfängt zu lesen, dann mag der erste eindruck abschreckend sein. abgesehen von den 3000 seiten sind die stichworte noch nicht einmal wirklich alphabetisch sortiert.

aber wenn man beginnt, zu lesen, dann begeistert man sich in kürzester zeit für dieses buch, selbst als laie in bezug auf die visuelle kommunikation. das ganze buch ist ein großer spieltempel, ein assoziationskatalog riesigen ausmaßes. am besten verstrickt man sich in das buch gleich neben seinem internetfähigen computer. denn nicht nur die vielen querverweise, der labyrinthische aufbau machen einen unbändigen spaß, zu den meisten begriffserklärungen wird auch noch eine internetseite erwähnt. mal als fundort der beschreibung, mal als verweis auf mehr. dabei kann man seltsame entdeckungen machen. irgendwie scheint das buch wie surfen im lexikon oder cloud-computing in gedruckter form mit digitaler ergänzung.

die autorin juli gudehus hat neun jahre lang zusammengetragen, was auch nur im entferntesten mit visueller kommunikation zu tun hat. und da das ganze leben mit visueller kommunikation zu tun hat, findet sich auch zu beinahe allem etwas. von der ersten minute an kann man sich der sogwirkung „des lexikons der visuellen kommunikation“ nicht entziehen. da es keine übliche lexikalische struktur gibt, sondern das buch im untertitel als collage bezeichnet wird, sollte man es auch so handhaben. in jeder ecke eine kleine anregung. man kann ihr folgen, man kann einfach weiterlesen, man kann querverweise aufsuche oder eben das internet.

also alles in allem ein wälzer der anregungen, sowohl fachlicher als auch kreativer. ja, wenn der aufwand nicht so groß wäre, wünschte man sich noch mehr lesikone, zum beispiel über das schreiben, das hören und schmecken. doch schreibanregungen findet man auch in diesem buch und noch viele anregungen für die eigene werbung. nur für die quellenangaben würde man sich eine kleine leselupe wünschen. das buch ist 2010 im verlag hermann schmidt in mainz erschienen. ISBN 978-3-87439-799-5

p.s.: aufmerksam geworden bin ich auf das buch durch die sendung „druckfrisch“ in der ard. manchmal klappt das doch mit dem bildungsauftrag 😉

schreibidee (115)

texten etwas hinzuzufügen, sie zu erweitern, in gemeinschaftsarbeit zu verwandeln ist hier nicht neu. doch dieses mal soll radikal gestrichen werden, wie ein locher, lücken in den text gestanzt werden. deshalb werden nach dieser schreibanregung hoffentlich „lochertexte“ entstehen.

entweder werden alle teilnehmerInnen der schreibgruppe aufgefordert einen text, der ungefähr drei seiten länge hat, mitzubringen, oder zu beginn der gruppe werden nach einem cluster ohne vorgabe, längere texte verfasst. dann werden die texte ausgetauscht. und nun darf in den texten der anderen gewildert werden. dazu bedarf es nur des mutes der streicherInnen und des gleichmutes der verfasserInnen.

durch das streichen darf sich der vorgelegte text vollständig verändern, also etwas neues daraus entstehen. es geht hier nicht um das verdichten, sondern wirklich um das wildern. es sollte satzweise gestrichen werden. und es wird nicht in dem text herum gemalt. sondern die teilnehmerInnen nehmen sich zwei leere zettel. auf dem einen notieren sie den neuen text, auf dem anderen die sätze, die sie herausgenommen haben. denn die gestrichenen stellen werden recycelt.

wie beim lochen konfetti entsteht, soll aus den streichungen ein neuer text entstehen. doch erst einmal werden die neuen texte vorgelesen. im feedback darf ruhig gesagt werden, ob die geschichte gewonnen hat oder nicht. anschließend werden die schreibgruppenteilnehmerInnen aufgefordert, den zettel mit den streichungen zu nehmen und daraus eine neue geschichte zu schreiben. die gestrichenen sätze müssen darin auftauchen. ansonsten werden keine vorgaben gemacht. es kann also etwas ganz neues daraus entstehen. auch diese geschichten werden anschließend vorgetragen und ein feedback dazu gegeben. doch bevor die geschichte vorgelesen wird, sollten die streichungen kurz vorgestellt werden.

schreibtechnik (20)

die collage ist im künstlerischen bereich eine häufig genutzte technik. ob in der malerei, beim samplen von musik oder bei fragmentarischen theaterstücken, die collage ist eine besondere form der darstellung und der herstellung. natürlich lässt sich dieses prinzip auch beim schreiben anwenden und bietet die möglichkeit, einen ganz neuen kontext der texte herzustellen.

bei der collage handelt es sich um eine etwas andere herangehensweise als beim verschachteln und verweben von erzählsträngen, das hier schon einmal dargestellt wurde. die collage achtet erst einmal nicht darauf, dass der erzählstrang beibehalten wird. bei der collage geht es eher darum, dass die einzelteile ein gesamtbild ergeben. so kann eine textcollage eine mischung aus lyrik, kurzgeschichten, zitaten und essayhaften texten sein.

die ausschnitte und abschnitte der texte formen beim lesen stück für stück ein bild, das im ganzen ein differenziertes werk ergibt. man kann sozusagen von einem cluster auf hohem niveau sprechen. von den autorInnen werden collagen zusammengetragen aus einzelnen ideen und texten, die für zusammengehörig empfunden werden. dabei muss nicht allein auf eigenes geschriebenes zurückgegriffen werden. zu einer collage können zum beispiel zitate aus protokollen, archiven oder wissenschaftlichen arbeiten gehören. es können textauszüge aus werken andere autorInnen eingefügt werden, es kann eine kombination mit bildern und musik hergestellt werden.

um eine collage zu produzieren, sollte den frei assoziierenden gedanken, keine grenze gesetzt werden. durch eine collage kann sich im laufe der zeit eine spannung aufbauen oder ein umfassendes bild ergeben. es können texte aus eigenen archiven verwendet werden oder für die collage eigene texte verfasst werden. wenn man es genau betrachtet, dann ist das bloggen auch eine form von collage aus informationen, eigenen eindrücken und gedanken und eventuell zitaten, teilweise durch links untermauert. so bietet sich die bloggersoftware für das verfassen einer prosa-collage regelrecht an, wenn man auf seinem computer den virtuellen hintergrund dafür herstellen kann. man muss dies nicht im netz veröffentlichen, sondern kann die software dazu nutzen, ein eigenes werk zu erstellen, das dann in einem textverarbeitungsprogramm zusammengeführt wird.

schreibtechnik (10)

sie kennen diese geschichten, die verschachtelt sind, und man fragt sich am anfang, was soll das? doch stück für stück nähern sich die verschiedenen stränge einander an, bis sie entweder mitten in der geschichte oder am ende aufeinandertreffen und einem plötzlich klar wird, dass sie etwas miteinander zu tun haben.

so etwas gibt es auch als film. einer der besten und gewaltigsten ist „magnolia“ mit tom cruise in einer grandiosen rolle. nun, es muss ja nicht gleich ein ganzes epos werden mit dutzenden verschiedenen erzählsträngen. doch die übung einmal einen collagenhaften text zu schreiben, ist es wert, ein gefühl für die zusammensetzung verschachtelter geschichten zu bekommen.

entweder sie überlegen sich eine zentrale startszene oder endszene. gut wären mindestens zwei protagonistInnen, zum beispiel „mann trifft frau in der bar“. und nun überlegen sie sich, was in der stunde hinterher oder vorher, beide jeweils erlebt haben. schreiben sie zwei getrennte geschichten darüber. also, was erlebt die frau eine stunde lang und was erlebt der mann eine stunde lang. nur eines sollte beiden geschichten gemeinsam sein, sie treffen sich am anfang oder ende in der bar.

wenn sie beide geschichten fertig haben, nehmen sie entweder ihr schreibprogramm des computers oder eine schere und schneiden die geschichten auseinander zum beispiel an den absätzen. setzen sie alles wieder zusammen, so dass eine geschichte daraus wird. das können sie mit noch viel mehr protagonistInnen machen. und der weg zu „magnolia“ ist nicht mehr weit.

übrigens können sie noch ganz andere dinge miteinander kombinieren. bilder, gespräche, zeitungsausschnitte, wichtig ist nur, dass sie irgendwann ihre erzählstränge einmal kurz zusammenführen.