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schreibidee (276)

das leben ist kein kindergeburtstag. es geht um den eigenen platz, um die frage, wie man ihn findet, um geld, um macht und vor allen dingen darum, immer wieder zu gewinnen in den konkurrenzen und auseinandersetzungen. nun gut, man kann das auch anders sehen, sein leben anders einrichen und gestalten. aber das ist nicht unbedingt üblich. darum doch einmal die volle niederlage in der schreibanregung zu einer „verlierer-geschichte„.

also dann doch ein blick auf das gewinnen und verlieren. alle schreibgruppenteilnehmerInnen notieren sich drei situationen aus dem alltag, in denen es für menschen um das gewinnen und verlieren gehen kann. dabei werden kleine abläufe mit dem ausgang (gewonnen oder verloren) auf jeweils maximal einer seite notiert. diese kurzen lebenssituationen werden in der schreibgruppe vorgelesen.

anschließend erstellen alle schreibenden ein cluster zu dem satz „was man verlieren kann“. anschließend wählen sie einen verlust aus und schreiben eine kurze geschichte darüber. die geschichten werden in der schreibgruppe vorgestellt. es wird sich sicherlich dabei herausstellen, dass die teilnehmerInnen öfter eine wendung in die geschichten einbauen, in denen aus dem verlust wieder ein gewinn entsteht oder ein lernprozess. der „gute“ mensch möchte gern den verlust so klein wie möglich halten, auch wenn er ihn beschreibt.

doch im anschluss soll die ganze trostlosigkeit sichtbar werden. es wird eine geschichte darüber geschrieben, wie man die hoffnung verliert und nichts mehr geht. dazu kann entweder das cluster herangezogen werden, die verlierer-beispiele aus dem alltag oder die vorherige geschichte kann wieder aufgegriffen werden. die schreibgruppenteilnehmerInnen werden aufgefordert, eine geschichte zu verfassen, die bis zum schluss ausweg- und hoffnungslos verläuft. nichts soll beschönigt oder gewendet werden. die schreibenden müssen aushalten, dass ihr protagonist, ihre protagonistin leidet. die geschichten werden anschließend vorgetragen und es wird eine feedbackrunde durchgeführt. beim feedback geht es unter anderem darum, wie treffend die hoffnungs- und ausweglosigkeit beschrieben wurde.

um nach der schreibgruppe nicht in depressionen zu verfallen, werden anschließend noch kurze wendungen der vorgetragenen geschichten geschrieben, die das ruder herumreissen. diese kleinen trostpflaster werden zum abschluss vorgetragen.

nochmal durch krisen gehen?

„oxypelagius“ bemerkte in seinem kommentar, das schreiben helfe gegen depressionen. ist das wirklich so? oder hier in bezug auf das biografische schreiben bezogen, kann das schreiben eine therapeutische wirkung haben? mit den wirkeffekten von therapien und techniken ist das so eine sache. die psychotherapieforschung bemüht sich schon seit langem nachzuweisen, welche dinge welchen effekt haben. doch dafür ist der mensch ein viel zu komplexes wesen, als dass sich dies verallgemeinern ließe. oder schlicht geschrieben: was bei dem einen hilft muss bei dem anderen noch lange nicht helfen. dem einen genügt es schon, dass er sich schreibend den raum zur ruhe nimmt, der andere benötigt zwei jahre therapeutische arbeit, um eine verbesserung seiner situation zu empfinden.

doch eines lässt sich zum biografischen schreiben bemerken: es ist eine wunderbare zusätzliche gelegenheit, vergangenes sich neu zu erschließen. der effekt des ganzen sei einmal dahingestellt, dazu später mehr. erst einmal bietet das biografische schreiben etliche techniken (fragen, assoziationen, freewriting, lebenskurven, tabellen…), um erinnerungen zu reaktivieren. eine konsequenzen des erinnerns besteht darin, dass man sich an immer mehr erinnert. wenn man einmal angefangen hat, dann wirkt es, wie wenn man ein türchen nach dem anderen öffnet und sich die erinnerungen stück für stück verzweigen. das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die abgelegten gedanken in spezieller weise miteinander verknüpft sind. Am bekanntesten dafür ist das werk „auf der suche nach der verlorenen zeit“ von marcel proust. hier gibt es das berühmte beispiel der madeleine (ein gebäck), die der auslöser von erinnerungen aus kindheit und vergangenheit ist.

da der mensch vor allem unangenehme erinnerungen gut verdrängen kann (wie hier schon häufiger erwähnt aus selbstschutz-gründen), kann bei der offenlegung der eigenen lebensgeschichte, natürlich auch die erinnerung an negatives reaktiviert werden. darum ist das biografische schreiben sehr viel mehr als das kreative schreiben mit vorsicht durchzuführen und zu begleiten. denn die erneute erinnerung an alte krisen und traumen kann ebenso neue auslösen. das soll nicht abschrecken, sondern eher die möglichkeit offerieren, sich dem zu zu wenden, was man lange ad acta gelegt hat, einen aber unbewusst durch den alltag begleitet. wodurch die erinnerungen ausgelöst werden, kann man nie vorhersagen. es kann ein geruch sein, ein gebäck, ein geräusch oder eben eine geschichte, die man schreibt, und dabei verselbstständigt sich die geschichte in eine richtung, die man eigentlich nicht einschlagen wollte.

da sitzt man dann mit seiner alten krise. was nun damit? man dachte, alles längst bewältigt zu haben und da meldet es sich wieder zu wort. Weiterlesen

schreibidee (129)

die welt ist nicht schön. das ist nichts neues, lässt sich jeden beim blick in die zeitung oder beim konsum der fernsehnachrichten feststellen. wichtig erscheint in diesem zusammenhang nur, ein wenig distanz bewahren zu können. denn ist dies nicht mehr der fall, besteht die gefahr zu verzweifeln. doch dieses mal sollen bei der schreibidee alle bedenken fahren gelassen werden, um sich den „leidens- und elendsgeschichten“ zu widmen. teile der großen literatur setzen sich nämlich ausschließlich mit lebensbedingungen auseinander, die als menschenunwürdig bezeichnet werden können.

also wäre der einstieg in die schreibanregung so zu wählen, dass man sich den jeweiligen gegebenheiten annähert. und um emotionen und leidenschaft in die geschichten zu bekommen, ist es hilfreich themen zu wählen, die einen selber am meisten berühren. dazu kann am anfang gefragt werden, welches leid und elend die teilnehmerInnen am meisten beschäftigen oder am traurigsten machen. es ist eine halbe seite zu schreiben, auf der die umstände genauer beschrieben werden. anschließend werden sich die leid- und elendssituationen gegenseitig vorgestellt.

vielleicht finden die teilnehmerInnen in der schreibgruppe bei der beschreibungen der anderen noch mehr emotionale reaktionen als bei den eigenen ideen. diese dürfen übernommen werden, wenn in der folge ein protagonist, eine protagonistin für diese situation entwickelt werden soll. dazu wird eine fiktive lebensgeschichte von maximal zwei seiten verfasst, die den vorlauf bis zur eigentlichen situation widerspiegeln soll. diese beschreibung wird erst einmal nicht vorgetragen in der gruppe.

sondern direkt im anschluss ist eine geschichte mit protagonistInnen und situation zu verfassen, die ausschließlich ausweglos ist. es wird dieses mal in die vollen der emotionalen ausnahmezustände gegangen um ein bild der unveränderbarkeit zu zeichnen. es mag in diesen geschichten kleine lichtblicke der veränderung geben, doch zum schluss sollten sie wieder verschwunden sein. diese geschichten werden in der schreibgruppe vorgetragen und im feedback bewertet wie gut die aussichtslosigkeit wiedergegeben wurde, um das nächste mal wieder fröhlichere geschichten schreiben zu können 😦

„unglücklich glücklich“ von eric g. wilson – ein buchtipp

es scheint wie der tanz auf dem vulkan, dass in zeiten der großen umbrüche und katastrophen viele menschen in der westlichen welt sagen, sie seien zufrieden und glücklich mit ihren lebensumständen, anstatt sich elend zu fühlen und an den gegebenheiten zu verzweifeln. eric g. wilson nimmt die ergebnisse von befragungen als einstieg in sein buch „unglücklich glücklich – von europäischer melancholie und american happiness„. in den ersten kapiteln zerpflückt er mit großer freude die glückseligkeitskultur und ehrlich geschrieben, das lesen bereitet freude. er macht vieles an der us-amerikanischen gesellschaft fest, doch die beispiele lassen sich augenfällig auch in unserer entdecken. dabei zeigt er auf, dass sich inzwischen der hang zum glück in einen zwang zum glück entwickelt gegen den man sich wehren müsse. denn es geht seiner ansicht nach um die ausrottung der depressiven verstimmung (und er unterscheidet diese klar von einer schweren depression). 

im folgenden entfaltet wilson interessante überlegungen zur melancholie als ort der kreativität. dies mündet zum beispiel in der aussage: „kreativität macht uns nicht unglücklich – unglück macht uns kreativ“. darüber lässt sich sicherlich streiten, doch der grundgedanke ist meiner ansicht nach ein sehr anregender. erst wenn mensch sich konfrontiert sieht mit den widrigkeiten aber auch selbstverständlichkeiten des lebens und dadurch auch des todes, ist er bereit sich in die tiefen des daseins und seiner seele zu begeben. und erstaunlicherweise entstehen gerade aus diesen phasen die lebendigsten und ekstatischsten zeugnisse der kultur. dies macht er an vielen beispielen von dichtern, denkern und musikern fest.

deshalb widerspricht wilson gleichzeitig der zukleisterung von verstimmungen mit glücksverheissungen und schenkelklopfhumor. er singt stattdessen wortgewaltig das hohelied auf die melancholie und ihre produktiven folgen. ein spannendes buch in einer so lustigen eventkulturzeit. das buch ist 2009 erschienen bei klett-cotta in stuttgart. ISBN 978-3-608-94113-5

selbstbefragung (10) – melancholie

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich ab nun ein wenig unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um „melancholie„, die konsequente folge auf das glück vom letzten mal. lese gerade ein sehr schönes buch über die melancholie in der „grinse“-gesellschaft. demnächst mehr darüber hier.

  • können sie in glücklichen zeiten auch traurig sein?
  • wie oft haben sie depressive verstimmungen? warum so selten oder so oft?
  • was halten sie von der aussage: man muss sich einfach zusammenreissen und seine gefühle nicht so vor sich hertragen?
  • was verstehen sie unter „in gefühlen schwelgen“?
  • würden sie sich als „romantische kuh“ bezeichnen? glauben sie wirklich an die verheissungen dieser haltung?
  • welche melancholischen schriftstellerInnen mögen sie?
  • ertappen sie sich öfter dabei, dass sie das glück festhalten wollen?
  • in welchen momenten werden sie besonders traurig?
  • wie reagieren sie auf menschen, die immer gut drauf sind (weiß der geier auf was)?
  • sind für sie liebe und melancholie unzertrennlich verbunden? warum?
  • wie melancholiefreundlich ist ihre umwelt (freundInnen, partnerInnen, verwandschaft…)?

schnickschnack (68)

die finanzkrise kann zur mentalen krise werden. das ist kein scherz, sondern eine tatsache, zumindest laut einer us-behörde. aufgefunden hat die hinweise dazu mal wieder die süddeutsche zeitung von heute, s.15. wichtig ist, dass der mensch gesund bleibt. wenig wird darüber diskutiert, dass allein die arbeitsbedingungen an den börsen der welt und bei den brokern der finanzen alles andere als gesund waren oder gesund sind. hier wird nicht nach den stressfaktoren gefragt, sondern nach der rendite.

anders geht man nun mit den „opfern“ der finanzkrise um. die „substance abuse & mental health services administration“ (samhsa) der usa stellte tipps ins netz, wie man folgeerkrankungen und psychische störungen aufgrund von besitztumsschwankungen feststellen kann. es ist eine ernst angelegenheit, wenn jemand seinen gesamten besitz verliert. garantiert auch ein traumatisches erlebnis. die stressoren nehmen auch im vorfeld meist schon zu, wenn die aktienkurse nach unten rasseln und nicht wenig spielen mit suizidgedanken. ärgerlich ist einzig, dass erst in der finanzkrise hilfestellung geleistet wird (siehe http://www.samhsa.gov/economy ).

schon im vorfeld wären hinweise zum börsenhandel an sich sinnvoll gewesen. denn das spekulieren mit aktien unterscheidet sich nicht groß von der spielsucht. lotterieanbieter müssen inzwischen auf diese spielsucht hinweisen, börsenspekulanten nicht. auch der verlust des arbeitsplatzes in kapitalistischen gesellschaften bedrohte schon immer die menschen in ihrer existenz, auch wenn nicht so viel geld auf dem spiel stand. doch hat jemand damals jemals auf die mentalen folgen aufmerksam gemacht? depressionen sind schon lang die folge von leistungsgesellschaften, erstaunlich, dass dies erst jetzt wahrgenommen wird. ob es vielleicht daran liegt, dass die betroffenen in einer gesellschaftsschicht zu finden sind, die bis vor kurzem glaubte unverletzlich zu sein?

kreatives schreiben und depression

depression ist eine psychologische diagnose, die zum einen zunimmt in dieser stressigen und hektischen welt, die aber zum anderen auch gern sehr schnell ausgesprochen wird, obwohl es sich nur um eine depressive verstimmung handelt, die sich nicht groß von schlechter laune oder traurigkeit unterscheidet. jemand, der unter depressionen leidet, befindet sich in einem ganz anderen zustand, der es ihm oder ihr beinahe unmöglich macht, den alltag überhaupt noch zu bewältigen. hier ist professionelle hilfe auf alle fälle angesagt und oft auch hilfreich.

nun sollte man meinen, dass menschen, die antriebsschwach, grüblerisch und pessimistisch sind, nicht unbedingt etwas mit kreativem schreiben anfangen können. doch bei depressionen sind es auch die kleinen erfolgserlebnisse, die neben einer psychiatrischen oder psychotherapeutischen behandlung hilfreich sein können. so gibt es nicht selten die anregung, einen kreativen ausdruck zu suchen, auch für die beschreibung der eigenen situation.

der versuch, sich in eine gruppe zu setzen, kurze kleine texte mit hilfe von schreibspielen oder angeregt durch verschiedene assoziationstechniken zu verfassen, kann schon viel auslösen. Weiterlesen

schreibidee (65)

das wetter ist eklig. es wird kälter, es regnet und die tage werden immer kürzer, winterstimmung will noch nicht so richtig aufkommen. die menschen werden schlechter gelaunt und wer sich noch nicht sein nest für den winterschlaf gebaut hat, kann leicht in depressive stimmung geraten.

da es kreatives, biografisches, szenisches und literarisches schreiben gibt, weshalb soll es nicht einmal depressives schreiben geben. eigentlich gibt es schreibgruppen für depressive, die dazu dienen sollen einen ausdruck für die eigene verfassung zu finden, um sie zu bewältigen, um in einen besseren zustand zu gelangen. warum nicht einmal den spieß umdrehen. eine gute bekannte sagte einmal, man solle nicht nur die positiven momente zelebrieren, sondern auch die traurigen und negativen.

dafür bietet der november die besten voraussetzungen. also kann man den teilnehmerInnen der schreibgruppe, um sie auf die gefühlslage einzustimmen, einen kleinen fragenkatalog aushändigen. In dem katalog stehen fragen wie: was nervt dich zur zeit am meisten? welche unerfüllte sehnsucht schlummer in dir? welche situationen kannst du nicht leiden? welche menschen gehen dir auf die nerven? nenne zehn gründe, weswegen es dir schlecht gehen könnte…

diese fragen beantworten alle teilnehmerInnen für sich persönlich und sie werden auch nicht öffentlich gemacht. ist die liste der negativen gründe und stimmungen ausgefüllt, dann kann daran gegangen werden, einen text oder eine geschichte zu verfassen, die die schlechtigkeiten der welt in der momentanen stimmung widerspiegeln. es ist kein blatt vor den mund zu nehmen, sondern sich in den sumpf der eigenen depressiven stimmung fallen zu lassen. das hat zum einen den effekt, sich beim schreiben einmal vom fantasievollen, schönen und lustigen abzuwenden und das graue abzubilden. und zum anderen kann genau dieses auch eine befreiende wirkung haben, wenn es einmal niedergeschrieben. oder auch nicht. das sollte zumindest bedacht werden, wenn man einmal das depressive schreiben durchführt, das sicherlich keine ernstzunehmende schreibrichtung werden kann, sondern auch ein spiel mit dem inneren zensor ist. also einmal alle hoffnung fahren lassen und der schlechtigkeit ausdruck verleihen. dann kann selbst dauerregen einen versöhnlichen charakter bekommen 😦